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Offener Lesekreis

Der offene Lesekreis – ein Angebot für alle interessierten Leser/innen

books-1439321_1920“Wir sind, im tiefsten Innern erzählende Wesen und immer auf der Suche nach Antworten. Die beste Literatur liefert nur selten Antworten, aber sie formuliert die Fragen ganz ausgezeichnet.” Julian Barnes

Trauer, Tod und Sterben sind die großen Themen in der Literatur. In ihr erschließen sich uns neu und vertiefen sich eigene Erfahrungen. Da jeder anders liest, ist der Austausch über die jeweilige Leseerfahrung eine Erweiterung der eigenen Sicht. Im offenen Lesekreis des Hospiz e. V. wird über ein vorab festgelegtes Buch gesprochen, die Teilnehmenden sollen das Buch also gelesen haben. Der Lesekreis wird von Inge Straub begleitet, eine leidenschaftliche Leserin, die seit langem im Hospizverein Konstanz ehrenamtlich engagiert ist. Die Titel, die im offenen Lesekreis jeweils besprochen werden, sowie alle Termine finden sie auf dieser Seite.

Nächster Termin:

Lesekreis Do 21. Juni 2018, 19 Uhr

Buchtitel: SturmflutAutorin: Margriet de Moor
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

“Was mache ich hier um Himmels willen? Wer oder was hat mich hierhergeführt?” fragt sich die junge Lidy, die sich auf einen Rollentausch mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Armanda eingelassen hat und aufgebrochen ist, um deren Patenkind zu besuchen. Während sie im strömenden Regen und bei aufkommendem Sturm mit dem Auto in Richtung Südholland unterwegs ist, vergnügt sich Armanda mit Lidys Ehemann Sjoerd auf einer Party im heimischen Amsterdam.
Der aufbrausende Sturm weitet sich zur größten Naturkatastrophe aus, die die Niederlande im letzten Jahrhundert heimgesucht hat. Es ist der 31. Januar 1953, und fast 3000 Menschen werden in der Sturmflut ums Leben kommen.

Die niederländische Autorin Margriet de Moor, die seit Jahren ein ausgeprägtes Faible für Figuren in psychischen Ausnahmesituationen pflegt, hat Archive durchkämmt, acht Jahre lang Fakten über das Inferno gesammelt und lässt das daraus gewonnene Detailwissen in ihre schaurig-realistischen Passagen über den Todeskampf einiger Figuren einfließen. Lidy, Mutter einer zweijährigen Tochter, hat versucht, auf einem Bauernhof Schutz vor den steigenden Fluten zu finden. Mit sieben anderen Personen, deren Biografien Margriet de Moor fragmentarisch in die Handlung einflicht, schwankt sie gleichsam zwischen der Hoffnung auf eine wundersame Rettung und dem Bangen vor dem drohenden Tod. Im Kreis dieser Todgeweihten befindet sich in der schicksalhaften Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar eine hochschwangere Frau, die im Todeskampf noch ihr Kind zur Welt bringt. In den Fängen der unkontrollierbaren Naturgewalt verkürzt sich der Zyklus von Leben und Tod in beklemmender Weise auf wenige Stunden.
“Man tritt nur einen Schritt zur Seite und führt auf einmal ein ganz anderes Leben”, heißt es zu Beginn des Romans. Ist es nun Zufall oder eine Fügung des Schicksals, dass Lidy anstelle ihrer Schwester die Reise in den Tod antrat und die überlebende Armanda später deren Ehemann Sjoerd heiratete, auf den sie schon immer ein Auge geworfen hatte?
Doch der seit vielen Jahren latent existierende, aber nie ausgesprochene Wunsch nach dem Rollentausch, dem Zufall oder Schicksal auf die Sprünge halfen, ebnet Armanda keineswegs den Weg ins Glück. Sie scheitert an der Seite von Sjoerd und dessen Tochter Nadja, die Wege trennen sich, und sie bleibt allein zurück – mit geradezu obsessiven Schuldgefühlen. Den Tod ihrer Schwester, ihr eigenes Versagen als “Ersatz”-Frau und Stiefmutter schleppt Armanda ihr ganzes Leben wie einen tonnenschweren seelischen Ballast mit sich herum. Als Seniorin im Altersheim, selbst nun den Tod vor Augen, führt Armanda einen imaginären Dialog mit der toten Schwester, der um Sjoerd kreist. “Lass mich damit zufrieden. Ich werde immer noch rot, wenn jemand ihn erwähnt”, erwidert die betagte Armanda. Für die Erfüllung ihres unausgesprochenen Lebenswunschs hat sie einen hohen Preis gezahlt.
In “Sturmflut” hat die mittlerweile 64-jährige Niederländerin Margriet de Moor (u.a. “Kreutzersonate”, “Die Verabredung”, “Der Virtuose”) auf die bei ihr sonst übliche formale Akrobatik, auf Sprachspielereien und tiefgründige Metaphern verzichtet. Ein perfekt arrangiertes Nebeneinander von knallhartem Realismus, Beschreibungen eines gestörten Familienlebens und feinsinnigen inneren Monologen – das Meisterwerk aus Margriet de Moors Feder.

Quelle: http://literaturkritik.de/id/9357
Margriet de Moor: Sturmflut

Roman
Carl Hanser Verlag, München, 352 Seiten
ISBN-10: 3446207139


Weitere Termine und Titel:

Do 19.07.2018 Cécile Wajsbrot, Die Köpfe der Hydra
Mi 15.08.2018 Bernhard Kathan, Nichts geht verloren
Mi 12.09.2018 John Berger, Auf dem Weg zur Hochzeit
Mi  10.10.2018 Gila Lustiger, Woran denkst du jetzt?
Mi 07.11.2018 Christoph Hein, Der fremde Freund / Drachenblut
Mi 12.12.2018 Christa Wolf, August

 

ARCHIV LESEKREIS

Lesekreis Do 17. Mai, 19 Uhr

Buchtitel: Die ZumutungAutorin: Sabine Gruber
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Während andere ihre Zeit vertreiben können, muß die Protagonistin Marianne in Sabine Grubers jüngstem Roman „Die Zumutung“ Zeit gewinnen. Die noch nicht vierzigjährige Kunsthistorikerin leidet an einer chronischen Krankheit, an einer „Schrumpfniere“: „Mein Tod – so viel glaube ich zu wissen – ist kein Fassadenkletterer, er arbeitet in meinem Inneren, damit es keiner merkt. Er arbeitet schon lange.“ Das Bewußtsein der begrenzten Lebenszeit bestimmt die Wahrnehmung des eigenen Körpers ebenso wie die Begegnungen mit anderen Menschen, Liebhabern, Freunden und Freundinnen. Ironisch und lakonisch beobachtet sie ihre Umgebung. „Was immer ihr in den Blick gerät, sie sieht es mit den Augen einer Todgeweihten. Paradoxerweise bezieht das Buch eben daraus eine sanfte Komik: Mit dem geschärften Blick für die Hinfälligkeit des Lebens durchschaut sie die Unsterblichkeitsambitionen ihrer Künstlerfreunde oder die Sehnsüchte ihrer von Kerl zu Kerl wandernden Herzensfreundin Erna als das, was sie sind: lächerlich. Indes ist der Protagonistin ganz und gar nicht zum Lachen zumute. (…) Wie sie solchermaßen ‚ungenießbar‘ wird und sich selbst unzumutbar – das ohne Rührseligkeit zu zeigen ist ein Kunststück für sich.“ (Michael Kohtes, Die Zeit)

Sabine Gruber, geboren 1963 in Meran, Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien, 1988-1992 Universitätslektorin in Venedig, lebt in Wien. Sie erhielt u.a. den Priessnitz-Preis, den Österreichischen Förderungspreis für Literatur und das Heinrich-Heine-Stipendium der Stadt Lüneburg. Neben Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken veröffentlichte sie den Roman „Aushäusige“ (1996), den Lyrikband „Fang oder Schweigen“ (2002) und zuletzt den Roman „Die Zumutung“ (2003, C.H. Beck Verlag).

Quelle: https://www.leselampe-salz.at/veranstaltung/sabine-gruber-die-zumutung/

Sabine Gruber: Die Zumutung
Roman
dtv Literatur, 224 Seiten
ISBN: 978-3-423-13552-8

Lesekreis Do 19. April, 19 Uhr

Buchtitel: Blick auf einen fernen BergAutor: Dieter Wellershoff
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Die Geschichte eines lebenslangen Kampfes um den Erfolg – und ein eindringliches Buch über das SterbenDieter Wellershoff begegnet in diesem Buch dem Tod – dem Tod, der nicht ihn ereilt, sondern seinen jüngeren Bruder, mit dem ihn eine enge Beziehung voller Rivalität und Zuneigung verband. Ehrlich und schonungslos gegenüber sich selbst beschreibt er das Sterben – und die Schuld- und Glücksgefühle desjenigen, der weiterlebt.
Als blicke er fortwährend auf einen fernen Berg, dessen Gipfel er immer erreichen wollte – so hat der sterbende Bruder gelebt. Und was sich ihm dann zeigte, war das ganz Unerwartete und Fremde.
Dieter Wellershoff hat seinen Bruder zu einer zentralen Gestalt seiner literarischen Werke gemacht, und das Erlebnis seines frühen Todes bewegte ihn dazu, von ihren Leben zu erzählen und von ihrer gemeinsamen Erfahrung mit der Erkrankung und dem Kampf gegen den Tod. Schon früh bauten Ähnlichkeit und Verschiedenheit zwischen beiden eine Spannung auf, die den jüngeren zu einem abenteuerlichen Leben trieb. Es führte von anfänglichen Erfolgen zu immer verhängnisvolleren Fehlentscheidungen und Niederlagen und zu einem neuerlichen Erfolg, den der Ausbruch einer tödlichen Krankheit vereitelte. Von da an steht das Leben unter einem anderen Gesetz. Die moderne Medizin übernimmt das Kommando und greift die Krankheit mit allen verfügbaren Mitteln an, befeuert vom unbedingten Lebenswillen des Kranken, der auf seine letzte Chance setzt.
Dieter Wellershoff beschreibt, wie es ist, in aller brüderlichen Nähe die unüberbrückbare Einsamkeit vor Augen zu haben und in dessen Augen die Frage zu lesen: »Warum ich und nicht du?« Eine Frage, die ihn dazu bringt, den Vorgang des Sterbens in seinen psychologischen, sozialen und medizinischen Dimensionen auszuleuchten. Das Ergebnis ist ein Buch, das den Leser mit diesem fundamentalen menschlichen Ereignis konfrontiert – und ihn vorbereitet.

Quelle: https://www.kiwi-verlag.de/buch/blick-auf-einen-fernen-berg/978-3-462-03739-5/

Dieter Wellershoff: Blick auf einen fernen Berg
Autobiographisches Buch
KiWi-Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-462-03739-5

Lesekreis Do 22. Februar, 19 Uhr

Buchtitel: Der Mensch erscheint im HolozänAutor: Max Frisch
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Der Mensch erscheint im Holozän
 beginnt denkbar unspektakulär: ein einsamer Witwer in seinem Tessiner Berghaus, und draußen will es nicht aufhören zu regnen. Dann wird der 74-jährige Herr Geiser durch einen Erdrutsch von der Umwelt abgeschnitten, die Naturgewalt konfrontiert ihn mit seiner eigenen Bedeutungslosigkeit. Auf sich gestellt, versucht er seinem Dasein einen Sinn zu geben, indem er unzählige Notizen und Lexikonausschnitte sammelt und damit die Wände tapeziert. Doch der schleichenden Erosion – nicht nur in der Natur, sondern auch in seinem Kopf – hat er nichts entgegenzusetzen. Draußen stürzen die Mauern ein, drinnen erleidet Herr Geiser einen Schlaganfall: Augenlid und Mundwinkel sind fortan gelähmt, er verliert immer mehr den Verstand und brät seine Katze im Kamin. Und während das versehrte Bergdorf schließlich wieder aufgebaut wird, ist sein persönlicher Verfall unumkehrbar. Mit Herrn Geiser hat Max Frisch die deutschsprachige Literatur um einen Sonderling bereichert. Seine Erzählung hat der Autor rückblickend als sein „vollkommenstes“ Werk bezeichnet. [1]
Mehr zum Buch:

Die Erzählung erschien 1979. Frisch war damals 68 Jahre alt. Im deutschsprachigen Raum wurde die Erzählung erst spät mit ihrer Thematik von Alter und Tod sowie der sprachlichen Knappheit allgemein anerkannt. In den USA wurde das Werk als „Meisterwerk“ gefeiert. Vom The New York Times Book Review wurde die Erzählung auf der jährlichen Liste der wichtigsten Bücher, die 1980 in den USA veröffentlicht worden waren, einstimmig zur interessantesten und wichtigsten Erzählung des Jahres 1980 gewählt.  Max Frisch selbst wehrte sich gegen die vermutete Autobiografie. Tatsächlich kannte Frisch die Wanderung, die Herr Geiser unternehme persönlich, doch das eigentliche Vorbild für die Romanfigur sei nicht er selbst gewesen, sondern ein Mann aus dem Tal. [2]

Quellen:
[1] https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/klassiker/der-mensch-erscheint-im-holozaen/6754
[2] https://www.mein-literaturkreis.de/blog/buch/max-frisch-der-mensch-erscheint-im-holozaen/

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän
Erzählung
Suhrkamp-Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-518-37234-0

 

 

 

 

 

 

Buchtitel: Der Cellist von SarajevoAutor: Steven Galloway 
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

“Am 27. Mai 1992, während der Belagerung von Sarajevo, schlugen nachmittags um vier Uhr mehrere Mörsergranaten in einer Gruppe von Menschen ein, die hinter dem Markt an der Vase Miskina nach Brot anstanden. 22 Personen wurden getötet und mindestens 70 verletzt. In den nächsten 22 Tagen spielte Vedran Smailovic, ein berühmter einheimischer Cellist, an dieser Stelle zu Ehren der Toten Albinonis Adagio in g-moll.” Soweit der kanadische Schriftsteller Steven Galloway im Nachwort zu seinem Roman “Der Cellist von Sarajevo”. Diese Anregung hat er in einen Roman umgesetzt, der teilweise die historischen Wahrheiten verwendet, teilweise fiktive Elemente beinhaltet.
Anhand dreier Personen schildert Galloway das Leben im Ausnahme-, im Kriegszustand. Da ist Dragan, ein Mann um die 60, dessen Familie noch rechtzeitig nach Italien fliehen konnte und der sich nun alleine durchschlagen muss, immer mit der Hoffnung, alles werde sich wieder zum Guten wenden. Dann Kenan, der mit seinen Plastikflaschen den gefährlichen Weg zur Brauerei einschlägt, um seine Familie mit Wasser zu versorgen. Schließlich Strijela, die davon geträumt hat, zu studieren, vielleicht Kinder zu bekommen und die nun – sie ist ausgebildete Scharfschützin – wenn es nicht anders geht, tötet.
Der Leser erfährt hier nichts über die Motive, die Hintergründe dieses Krieges. Dem Autor geht es darum, den Alltag der Menschen zu zeigen, ihre Träume, ihre Ängste, ihr auf ein Minimum reduziertes Leben. Der Gang über die Straße kann den Tod bedeuten, da die Männer in den Bergen, die unsichtbaren feigen Heckenschützen, jeden ins Visier nehmen, der unvorsichtig ist. Diesem Irrsinn hat der Cellist mit seiner Kunst ein menschliches und kulturelles Symbol entgegengestellt, das wundersamerweise 22 Tage lang Bestand hatte.
“Der Cellist von Sarajevo” zeigt uns noch einmal die menschenverachtenden Mechanismen des Krieges, dokumentiert aber ebenso eindrucksvoll den Mut und die mentale Stärke des Individuums. Galloways Sprache ist schlicht, sein Roman erhebt nicht den Anspruch, sich in poetischer Weise einem Thema zu nähern, das nichts Poetisches an sich hat. Seine Idee, den Roman aus der Sicht dieser drei Menschen zu schildern, verleiht diesem Buch Nähe und Intensität.

Quelle: http://literaturkritik.de/id/12819

Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo
Roman
btb-Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN 978-3-442-73892-2

Lesekreis Do 18. Januar, 19 Uhr

Buchtitel: Die SeeAutor: John Banville 
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Der 18. Roman des in Dublin lebenden, irischen Schriftstellers und Literatur-Journalisten John Banville erzählt von dem in die Jahre gekommenen Kunsthistoriker Max Morden. Nachdem seine Frau Anna an Krebs gestorben ist, kehrt er an den irischen Küstenort seiner Kindheit zurück, wo er immer seine Sommerferien verbrachte. Dort versucht er positive Erinnerungen wie die erste Erfahrung von Liebe und Erotik, aber auch traumatische Ereignisse zu verarbeiten, indem er seine Erinnerungen in bildreicher Sprache detailversessen und narzisstisch aufschreibt.

Atmosphärisch dicht gestaltet John Banville durch seinen Ich-Erzähler Max Morden die verschiedenen Zeitebenen, die in dem Monolog Mordens immer wieder verschwimmen. Er lässt die Grenzen zwischen wirklichen Erinnerungen und Phantasien und zwischen Bewusstsein und Unbewusstem fließend werden. Die melancholische Stimmung wird verstärkt durch die poetisch-düstere und gleichzeitig faszinierende Atmosphäre des Meeres.

John Banville erhielt für den Roman den Man Booker Prize 2005. Der Roman sei eine „meisterliche Studie der Trauer, der Erinnerung und der Liebe“, so der Booker-Juryvorsitzende, Prof. John Sutherland.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_See

John Banville: Die See
Roman
KIWI-Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN 978-3-462-04899-5

Lesekreis Do 14. Dezember 2017, 19 Uhr

Buchtitel: AccabadoraAutorin: Michaela Murgia 
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

An wenigen Orten ist Tradition so lebendig wie auf Sardinien. Bei einem Besuch kann es einem glatt passieren, dass man sich fragt, in welchem Jahrhundert man gerade ist. Von der kuriosen Mischung aus Magie, Mythos und Moderne erzählt die sardische Autorin Michela Murgia.
Die alte, kinderlose Schneiderin Bonaria holt Maria, das Kind einer armen Familie, zu sich, behandelt es wie ihre eigene Tochter. Maria erhält Zuwendung, eine Ausbildung, und später das Erbe. Dafür kümmert sie sich bis zum Tod um die Alte.
Den sardischen Brauch der formlosen Adoption, die nur auf dem Einverständnis beider Familien basiert, gibt es heute nur noch selten. Doch die Autorin selbst ist ein “Kind des Herzens” – eine “fill’e anima” mit zwei Müttern. “Ich widme mein Buch meiner Mutter – allen beiden”, sagt Murgia. “Denn nur beide zusammen sind meine Mutter.”
Ohne jedes Pathos, aber sehr poetisch schildert die Autorin das Leben einer abgeschlossenen Gemeinschaft. Fast sachlich erzählt sie von den theatralischen Trauerritualen wie etwa dem Kult der Klageweiber. Ist die Accabadora eher Hexe oder Heilige? “Sie betrachtet sich als letzte Mutter, die manche zu Gesicht bekommen”, so Murgia: “Ihr Handeln entspringt einem mütterlichen Impuls. So wie sie als Hebamme bei der Geburt die Nabelschnur durchtrennt, so schneidet sie den letzten Faden des Lebens ab und begleitet den, der nicht sterben kann.”

Quelle: Luzia Braun, ZDF aspekte

Michaela Murgia: Accabadora
Roman
dtv Taschenbuch, 176 Seiten
ISBN 978-3423140478

Lesekreis Do 16. November 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Mit brennender GeduldAutor: Antonio Skármeta 
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Antonio Skármeta war mit Pablo Neruda befreundet und bis zum Militärputsch Pinochets Dozent für lateinamerikanische Literatur. Im Exil in Deutschland hat er begonnen, Drehbücher zu schreiben. Weltberühmt wurde er mit dem Roman “Mit brennender Geduld”.

Sein bekanntestes Buch, den Roman “Mit brennender Geduld”, hat Skármeta 1984 selbst verfilmt. Es ist die Geschichte von Mario Jiménez, der nicht mehr wie seine Vorfahren Fischer sein möchte. Als Postbote in Isla Negra, dem Urlaubsort von Pablo Neruda an der Pazifikküste, bringt er dem Dichter die Post und möchte von ihm die Kunst der Metapher erlernen, um mit Poesie die angebetete Beatrice zu erobern. Roman- und Filmtitel sind einerseits ein Zitat von Arthur Rimbaud: “Im Morgengrauen werden wir, bewaffnet mit brennender Geduld, die Städte betreten.” Andererseits hat sich Neruda bei der Dankesrede zur Verleihung des Nobelpreises auf Rimbaud berufen: “Nur mit brennender Geduld werden wir die strahlende Stadt erobern, die allen Menschen Licht, Gerechtigkeit und Würde schenken wird. So wird die Poesie nicht vergebens gesungen haben.” Der Roman endet mit dem Tod Nerudas und dem gewaltsamen Verschwinden Marios.

Antonio Skármeta: Mit brennender Geduld
Roman
Piper Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN 978-3492226783

Quelle:
http://oe1.orf.at/artikel/205612 

Lesekreis Do 19. Oktober 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Ein ganzes Leben, Autor: Robert Seethaler
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Aufgewachsen in der dörflichen Abgeschiedenheit um die Jahrhundertwende, ohne Zuwendung und mit den Gertenschlägen des Ziehvaters – Andreas Eggers Leben nimmt keinen guten Anfang. Robert Seethalers neuer Roman erzählt vom einfachen Leben, von Fortschritt und Veränderung. Von einem Einzelgänger, der die schützenden Grenzen seines Bergdorfes niemals hinter sich lässt.

Andreas Egger ist noch jung, vier oder fünf Jahre vielleicht, als seine Mutter an Schwindsucht stirbt. Es ist der Anfang des 20.Jahrhunderts und während in den Großstädten langsam hektische Geschäftigkeit das Beschauliche ablöst, scheint in dem Bergdorf, in das Andreas nun gebracht wird, die Zeit stillzustehen. Er findet Obdach beim Großbauern Kranzstocker, der ihn jedoch nicht aus Mildtätigkeit, sondern des Geldes wegen aufnimmt, das Andreas in einem ledernen Beutel um den Hals trägt. Er ist eine willkommene Arbeitskraft und dem Jähzorn des mürrischen Alten von Anfang an ausgeliefert. Der mit Wasser geschmeidig gehaltenen Haselnussgerte begegnet er öfter als einem liebevollen Wort.

Einmal schlägt der Bauer mit solcher Wucht, dass Andreas‘ Oberschenkelknochen bricht. Notdürftig geschient vom Dorfarzt, verbringt er Wochen liegend. Fortan wird er hinken, seine Knochen sind schief zusammengewachsen. Als Andreas alt genug ist, sich gegen die Prügel zur Wehr zu setzen, verlässt er den Hof und heuert bei einer aufstrebenden Firma im dörflichen Idyll an, die sich für den Bau zahlreicher Seilbahnen verantwortlich zeigt. Schneisen werden durch den Wald geschlagen, den Bergen wird mit Stahl und Hammer zu Leibe gerückt wie einer steinernen Skulptur. Und Andreas Egger weiß, wie man arbeitet. Trotz seines Hinkens ist er kräftig und geschickt. Andere haben weniger Glück, Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung, Arbeitsschutz ein Fremdwort.

„Es ist eine Sauerei mit dem Sterben“, sagte er. „Man wird einfach weniger mit der Zeit. Bei dem einen geht es schnell, beim Nächsten kann es dauern. Von der Geburt an verlierst du eines nach dem anderen: zuerst einen Zeh, dann einen Arm, zuerst einen Zahn, dann das Gebiss, zuerst eine Erinnerung, dann das ganze Gedächtnis und so weiter und so fort, bis irgendwann nichts mehr übrig bleibt. Dann hauen sie den letzten Rest von dir in ein Loch und schaufeln es zu und fertig.“

Andreas Egger ist ein genügsamer und stiller Mann. Einer, der lieber zuhört statt selbst zu reden. Einer, der selbst in den Fünzigerjahren noch immer etwas hilflos vor dem Fernseher der dörflichen Kneipe sitzt, weil der damit nichts anzufangen weiß. Einer, der sich nur einmal im Leben verliebt und diese Frau bei einem Lawinenunglück verliert. Robert Seethaler zeichnet den Weg eines einfachen Mannes. Eines Mannes, wie es viele in den Bergdörfern um die Jahrhundertwende gegeben hat. Der Natur verbunden, etwas eigenbrötlerisch, Einzelgänger mit einem Herz, das manchmal im Verborgenen schlägt. Nur einmal verlässt er sein Dorf – als Krieg ist.

Robert Seethalers Roman, der auf nur hundertfünzig Seiten tatsächlich ein ganzes Leben erzählen kann, strömt wie ein leise plätschernder Bergfluss voran, ruhig, gleichförmig und klar. Es ist, als flössen die Worte mit einer Selbstverständlichkeit auf’s Papier wie manch ein anderer atmet. Seethaler weiß, wie man schreibt, wie man berührt, mit den einfachen Dingen, mit dem gewöhnlichen Leben. Die Ursprünglichkeit der Natur und des Dorflebens bilden einen starken Kontrast zum immer stetiger Einzug haltenden Fortschritt, das Dorf und die Welt verändern sich, Eggers selbst muss irgendwann kapitulieren. ,Ein ganzes Leben‚ ist ein stiller, ein ruhiger Roman, so wie sein Protagonist selbst. Sehr lesenswert!

Der Tod gehörte zum Leben wie der Schimmel zum Brot. Der Tod war das Fieber. Er war der Hunger. Er war eine Ritze in der Barackenwand, durch die der Winterwind pfiff.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben
Roman
Hanser Verlag, 160 Seiten
ISBN 9783446246454

Quelle:
http://literatourismus.net/2014/07/robert-seethaler-ein-ganzes-leben/  (leicht verändert)

Lesekreis Do 21. September 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Der falsche Inder, Autor: Abbas Khider
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Der Deutsch-Iraker Abbas Khider lebt seit fünfzehn Jahren in Deutschland. Der ehemalige Flüchtling, der 1996 dem Regime Saddam Hussein entkam, hielt sich in mehreren Ländern als illegaler Einwanderer auf.

Sein auf Deutsch geschriebener Roman „Der falsche Inder“ erzählt weitgehend die Lebensgeschichte seines Autors. Im Gespräch mit Khider fällt es mitunter schwer, die im Buch wiedergegebene Odyssee des Schreckens in Einklang zu bringen mit diesem lebenssprühenden Charismatiker, der beim Erzählen immer wieder in hysterische Lachanfälle abgleitet. Khider kennt den scheinbaren Widerspruch: „Die Leute denken: Wie kann es sein, dass dieser grinsende Typ all diesen Horror erlebt hat? Und ehrlich gesagt: Manchmal kann ich selbst kaum glauben, dass mir das alles passiert ist.“ Wieder geht das Ende des Satzes in markerschütterndem Lachen unter.
Auch im Buch selbst erzählt Khider seine Lebensgeschichte im stilistischen Slalom zwischen existenzieller Misere und greller Komik. Da ist zum Beispiel seine Aufteilung der weiblichen Weltbevölkerung in „Kuh-“ und „Ziegenschönheiten“. Die Kühe, das sind die üppigen Frauen der arabischen Welt, die Ziegen die dürren Mädchen des Westens. Ein paar weibliche Testleserinnen, erzählt Khider, hätten gegen diese polarisierende Körpersicht protestiert. Er setzte sich über den Einspruch hinweg – und hat nun eine diebische Freude daran, dass sich sein Buch ausgerechnet in Bayern am besten verkauft: „Im Bundesland der Kuhschönheiten!“
Oft, sagt Khider, sei er überzeugt, dass ihn letztlich genau diese Verfasstheit vor dem innerlichen Sterben gerettet habe, dem so viele seiner illegalen Weggefährten zum Opfer gefallen seien. Es gebe da ein arabisches Sprichwort, sagt er: „Geduld und Humor sind die Kamele, mit denen man durch jede Wüste kommt.“

Abbas Khider: Der falsche Inder.
Roman
Edition Nautilus, Hamburg 2008. 160 Seiten
ISBN 978-3-89401-576-3

Quelle:
Der Tagesspiegel, 19.09.2008, gedruckte Ausgabe

Lesekreis Do 22. Juni 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Lebensstufen, Autor: Julian Barnes
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

 

»Ein außergewöhnlich intimes und ehrliches Buch über Liebe und Trauer« The Times

Julian Barnes’ neues Buch handelt von Ballonfahrt, Fotografie, Liebe und Trauer. Davon, dass man zwei Menschen oder zwei Dinge verbindet und sie wieder auseinanderreißt. Einer der Juroren für den Man Booker Prize nannte Julian Barnes einen »beispiellosen Zauberer des Herzens«. Das vorliegende Buch bestätigt dies. Julian Barnes schreibt über die menschliche Existenz – auf der Erde und in der Luft. Wir lernen Nadar kennen, Pionier der Ballonfahrt und einer der ersten Fotografen, die Luftaufnahmen machten, sowie Colonel Fred Burnaby, der zum eigenwilligen Bewunderer der extravaganten Schauspielerin Sarah Bernhardt wird. Und wir lesen über Julian Barnes’ eigene Trauer über den Tod seiner Frau – schonungslos offen, präzise und tief berührend. Ein Buch über das Wagnis zu lieben.

»Eines der besten, bewegendsten Bücher, die es gibt« Evening Standard

»Es ist außergewöhnlich, auf einer Seite auszudrücken, was Leben heißt.« The Guardian

»Jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat und leidet, oder jeder, der leidet, sollte es lesen. Und noch mal lesen. Und noch mal.« Independent

Julian Barnes: Lebensstufen
Kiepenheuer&Witsch, 2015
ISBN: 978-3-462-04727-1

Quelle:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/lebensstufen/978-3-462-04727-1/

Lesekreis Do 18. Mai 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Leibhaftig, Autorin: Christa Wolf
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Darf man so über eine Krankheit zum Tode, über die Grenzzonen menschlichen In-der-Welt- Seins schreiben, wie es Christa Wolf in ihrer lange erwarteten neuen Prosaarbeit getan hat? Mit dieser charmanten Heiterkeit, diesem geradezu übermütigen Erzähltemperament? Haben die kunstvollen labyrinthischen Verschlingungen von Bewusstseinspartikeln und Fieberphantasien, die harmonisch geschwungene Architektur aus Innenräumen noch etwas mit der Selbsterfahrung der Hauptfigur, einer etwa sechzigjährigen Frau, zu tun, die in höchster Gefahr schwebt, während ihre Seele sich, aufgeteilt in zwei Erzählstimmen, mit vitalem Witz Gehör verschafft? Man darf. Ein literarischer Text darf alles. Dieser Text – man könnte ihn Bewusstseinsprosa nennen, wenn dieser Begriff angesichts der Entmachtung des realistischen Erzählens nicht obsolet geworden wäre – schneidet tief ins Fleisch der Sprache, «zum Eiterherd, dorthin, wo der glühende Kern der Wahrheit mit dem Kern der Lüge zusammenfällt». Aber ihr Blut ist Kunstblut. Die gelassene Selbstdistanz ist ästhetisch sublimiert. So schreibt nur über Todesgefahr, wer noch einmal mit heiler Haut davongekommen ist.

Zu Beginn von Christa Wolfs neuer knapp 200-seitiger Erzählung “Leibhaftig” wird eine Frau fortgeschrittenen Alters ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hat, wie die Erzählerinnen in “Christa T.”, “Kindheitsmuster”, “Sommerstück” oder “Was bleibt”, auffällige Ähnlichkeiten mit Christa Wolf. Sie muss zunächst unter dramatischen Umständen wegen “Herzrasen”, Tachykardie, behandelt werden. Dann jedoch erfährt der Leser, dass diese Beschwerden nur Symptom einer lange verschleppten Blinddarmentzündung sind. Eine erste Operation ist nicht erfolgreich, ein versteckter Eiterherd verursacht hohes Fieber, weitere Operationen sind unvermeidlich. Erst Wochen später gelingt es, die lebensbedrohlichen Erreger zu identifizieren und die Patientin allmählich wiederherzustellen.

In jenen bangen Wochen, die sie – durch Fieberschübe und Therapieversuche gleichermaßen gequält – im Hospital zubringt, entscheidet sich auch das Schicksal von Urban, eines ehemaligen Freundes der Kranken. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten, haben sich jedoch auseinandergelebt, nachdem Urban in der DDR Karriere machte und den Machthabern des Landes widerstandslos zu Willen war. Kurz bevor die Erzählerin ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hat sie erfahren, dass Urban verschwunden ist. Nach ihrer Gesundung wird ihr mitgeteilt, dass er sich erhängt habe und erst nach Wochen in einem entlegenen Waldstück gefunden wurde.

Mit dieser Erzählung hat Christa Wolf die Grenzen ihrer Sprache und Erzählkunst und zugleich dessen, was sich über den inneren Zustand der späten DDR noch Sinnvolles sagen lässt, literarisch noch einmal weit hinausgeschoben in Bereiche des Nichtsichtbaren, Nichthörbaren, Nichtfassbaren; über die Grenzen hinaus, wo sich Bewusstes und Unterbewusstes vermischen und wo die Gespenster wohnen, denen wir es zu verdanken haben, dass die Vergangenheit, nach einem Wort von Christa Wolf, einfach nicht totzukriegen ist.

Christa Wolf: Leibhaftig
Luchterhand, München 2002.
suhrkamp taschenbuch Frankfurt 2009

Quellen:
Uwe Wittstock | Die Welt 23.02.2002
Beatrix Langner, NZZ 23.02.2002

Lesekreis Do 27. April 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Einmal noch Marseille Autor: Björn Kern
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Nicht der Engel mit dem Flammenschwert vertreibt heutzutage aus dem Paradies ruhiger Alltäglichkeit, sondern die ärztliche Diagnose. “Es ist keine Arthrose”, heißt es auf der ersten Seite dieses schmalen Romans. Vater, Mutter, Kind: die Figurenkonstellation des Buches ist denkbar einfach, aber von diesem Satz an ist nichts mehr alltäglich im Leben der Familie. Denn der Befund, der nie beim klinischen Namen genannt wird, bedeutet das Todesurteil für die lebensfrohe Mutter. Eine Muskelkrankheit hat die Lehrerin befallen; und sie selbst kennt klarsichtig die Stationen ihres unaufhaltsamen Siechtums: “Ich werde mich nicht mehr bewegen können, sagte sie, ich werde nicht mehr schlucken können, und am Ende ersticke ich.” Genauso trifft es ein, das medizinische Wunder bleibt aus, am Ende des Buches sitzt der Sohn am Bett seiner toten Mutter, die sich zuletzt nur noch mit minimalen Kopfbewegungen verständlich machen konnte. Eine andere Form von Alltäglichkeit, nur eben kein Paradies mehr.
Nüchtern erzählt Björn Kern die Geschichte vom Zerfall einer Familie. Der Sohn wird zum Chronisten der Krankheit; aus der Ich-Perspektive schildert er die Hilflosigkeit seines Vaters, das eigene Schwanken zwischen Anteilnahme und Verdrängung, die Versuche der Mutter, sich auf immer neue technische Hilfsmittel einzustellen. Die Abfolge dieser Geräte spiegelt die zunehmende Schwäche derer, die auf sie angewiesen sind: Am Anfang steht das automatische Lesegerät, das die Seiten eines Buches umwenden soll und dabei – seltener Moment des Humors – schon mal den neuen Roman von Günter Grass malträtiert. In immer größerem Tempo kommen kompliziertere Apparaturen hinzu: eine Atemmaschine, ein elektrisches Bett, ein Hebekran, ein aufwendiger Rollstuhl, der, wie es bewundernd heißt, “vierzehn Funktionen und halb so viele Motoren” hat, und schließlich ein Sprachcomputer. Ein stattlicher Maschinenpark gehört bald zum Inventar des Kleinbürgerhaushalts; im ehemaligen Kinderzimmer stapeln sich leere Verpackungen und Ladegeräte für die vielen Batterien.
So entstehen Bilder aus dem Pflegealltag, den die Verordnungen des Gesundheitswesens mit Gebührensätzen zu regulieren versuchen. Der Kontrollbesuch des Krankenkasseninspektors gehört zu den wenigen und unerwünschten Abwechslungen im Leben der drei Menschen, die sich immer mehr der Außenwelt verschließen. Das freilich führt den Roman an seine Grenzen. Kern konzentriert sich ganz auf die innerfamiliären Veränderungen und vernachlässigt darüber die übrigen Personen seiner keineswegs hermetischen Welt. Die namenlose Freundin des Ich-Erzählers bleibt ebenso blaß wie die Freundinnen der Mutter, die – an der Grenze zur Karikatur – mit einer seltsam diffusen Gruppenidentität ausgestattet werden.
Wiederholt versuchen Mutter und Sohn aus dem Gefängnis der engen Wohnung auszubrechen. Eine Reise nach Marseille wird zum Höhepunkt dieser kleinen Fluchten; am Ende schiebt der Sohn noch einmal das Bett seiner inzwischen fast völlig gelähmten Mutter durch die Straßen der Heimatstadt bis in den Stadtpark. Man mag Zweifel daran haben, ob diese Szene die Abmessungen von Krankenbetten und modernen Wohnhausfahrstühlen berücksichtigt – auf alle Fälle bleibt dieses Bild eine anrührende Ikone im Kampf gegen die Unerbittlichkeit der Krankheit.
Hat das jedoch, was menschlich anrührt, auch literarischen Belang? Kein Zweifel kann daran bestehen, daß sich der knapp dreißigjährige Björn Kern für sein zweites Buch (der Roman “Kipppunkt” erschien 2001) ein schwieriges Sujet gewählt hat, das zur Zeit eine erstaunliche Konjunktur nicht nur auf dem deutschen Buchmarkt erfährt. In den letzten Jahren haben unter anderen Jakob Hein, Lydia Flem oder jüngst Angelika Overath den Abschied von ihren kranken und schwachen Müttern zum Thema ihrer Bücher gemacht. Sie alle standen vor der selbstgewählten Aufgabe, ihrer Leserschaft Persönlichstes darzulegen und für den Schmerz, die Trauer und die Hilflosigkeit des Verlassenwerdens Worte zu finden, die über unmittelbares Betroffensein hinausgehen. Im besten Fall kann die Trauer zum Antrieb für ein genaues und unsentimentales Erzählen werden, das die Schilderung des Einmaligen und Privaten transparent werden läßt für die allgemeinen Bedingungen unserer Existenz, seien sie nun im Gesellschaftlich-Sozialen, in den komplizierten Vorgängen der Psyche oder der Hinfälligkeit alles menschlichen Lebens zu suchen.
In diesem Chor der verwaisten Erzähler kommt Björn Kern eine respektable Stimme zu. Dem Protagonisten seines Romans ist das Leben der Mutter vor ihrer Krankheit erstaunlich gleichgültig, die Stationen des unausweichlichen Abschieds dokumentiert er aber mit teilweise beklemmender Präzision. Wenn Leser des Buches durch Kerns lakonische Sprache an eigene Erfahrungen der Ohnmacht angesichts von Krankheit und Tod und damit an die Grenzen ihrer Selbstbestimmung erinnert werden, so ist das kein geringes Lob für einen jungen Autor.

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-bett-im-stadtpark-1306968.html [28.03.2017]
Björn Kern: “Einmal noch Marseille”. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2005. 127 S.

Lesekreis Do 23. März 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Vom Ende der Einsamkeit, Autor: Benedict Wells
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

„Ich kenne den Tod schon lange, jetzt kennt der Tod auch mich.“ So beginnt Benedict Wells 2016 erschienenes Buch „Vom Ende der Einsamkeit“, das die Bestsellerlisten stürmte. Jules kommt nach einem Motorradunfall und mehrtägigem Koma im Krankenhaus allmählich zu sich. Hier beginnt ein chronologischer Rückblick auf Jules‘ Leben. Ausgangspunkt ist der Unfalltod der Eltern, als Jules elf Jahre alt war. Bis zu diesem Zeitpunkt sind Jules und seine beiden älteren Geschwister behütet aufgewachsen. Wie unterschiedlich seine Hauptfiguren den Tod ihrer Eltern verarbeiten, zeigt Benedict Wells u. a. in der Schilderung der düsteren Internatsjahre. Sehr eindringlich gelingt es Benedict Wells, die vielen Glücksmomente der frühen Kindheit und dann die traumatischen, einsamen Jugendjahre seines Helden zu schildern. Es sind die stillen Dramen, die Wells gekonnt antippt, und die ein Leben zuweilen ebenso an den Abgrund führen können wie die gnadenlosen Schicksalsschläge, die in diesem Roman dicht aufeinanderfolgen. An mancher Stelle würde man sich wünschen, dass das, was den Figuren zustößt, in einem etwas realistischeren Maß gehalten wäre. Andererseits dient die Konzentration der Katastrophen dem Autor dazu, seine Fragestellung zu verdichten: “Was sorgt dafür, dass ein Leben wird, wie es wird?”

Der Roman von Benedict Wells wird von einem wehmütigen Ton und einer schlichten, schönen Sprache getragen. In Verbindung mit gewitzten Dialogen und einer cleveren, für Spannung sorgenden Dramaturgie ist diese Mischung sehr einnehmend. Zudem baut Wells überraschende Wendungen ein: Lange Zeit nimmt man als Leser arglos für bare Münze, was sich dann wie nebenbei als Trugbild erweist. Dafür ist aber das Ende des Romans dann nach dem letzten, schwersten Schlag so wärmend, tröstend und von einer so zwingenden emotionalen Logik, dass man den Figuren nach der Lektüre noch lange Zeit in Gedanken folgt.

Quelle: Auszüge aus der Sendung des SWR2 Buch der Woche am 18.04.2016

Lesekreis Do 23. Februar 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Schilten, Autor: Hermann Burger
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Labilen Lehrern dürfte es nach der Lektüre lausig gehen. Lehramtskandidaten raten wir, dieses Buch lieber links liegen zu lassen.
Hermann Burgers Romanerstling “Schilten”, 1976 erschienen und nun wieder neu aufgelegt, ist nicht nur ein an Kafka und Bernhard geschultes, virtuoses sprachliches Meisterwerk. Mit unvergleichlicher Intensität, immerzu schwankend zwischen Tragik und Komik, schildert der Schweizer Autor die Krankheits- und Todesgeschichte eines Lehrers.
Armin Schiltknecht ist Lehrer im abgelegenen Schweizer Dorf Schilten. Der Schulinspektor, an den sich der Lehrer mit jenem Bericht wendet, der den Roman darstellt, wird das Schulhaus nie erreichen. Der ausbleibende Inspektor ist der Anlass dieses Monologs, den Schildknecht, der Knecht der Schiltener Verhältnisse, in einer von Wahn gekennzeichneten, aber auch wahnsinnig schöpferischen Sprache verfasst: Thema des Buches, wie des gesamten schriftstellerischen Schaffens Burgers, der 1989 den Freitod wählte, ist die Macht des Todes über das Leben. Symbolisch verdichtet ist dies in der engen Verfilzung von Friedhof- und Schul-Betrieb. Der an die Lehranstalt angrenzende Friedhof beeinträchtigt den Schulalltag massiv. Die Totenfeiern des Dorfes finden in der Turnhalle statt, Friedhof und Schule haben die gleiche Rufnummer, der Hausmeister arbeitet zugleich als Totengräber. Das gesamte Dorf, in dem Burger das Schweizer Urdorf an sich vermuten lässt, ist ein Reich des Todes. Leidend unter der Lehrerkrankheit, die der Autor als das innere Abgestorbensein einer mit Lumpen von leblosem Wissen behangenen Vogelscheuche beschreibt, reagiert Schildknecht darauf mit seiner aberwitzigen Todesdidaktik. Er vergibt Scheintoten-Praktika an seine Zöglinge, spielt mit den Schülern “Gräber-Rezitieren” und unterrichtet sie in Nebelkunde; denn “Leben” vom Ende gelesen ergibt “Nebel”. Als sich alle ehemaligen Schüler des Lehrers feierlich versammeln, wird endgültig klar, dass Schildknecht aufgrund einer Suspendierung seit Langem schon vor leeren Bänken unterrichtet hat. Das Fest in der Turnhalle, wie könnte es anders sein, ist seine eigene imaginierte Totenfeier. Burgers Absicht, den Leser derart in die Schiltener Verhältnisse zu ziehen, dass ihm schwindlig werde, beruht auf einem methodischen Trick: der gegenseitigen Maskierung von Wirklichkeit und Fiktion. Nie sei er glücklicher, hat der Sprachkünstler Burger in seiner Frankfurter Poetikvorlesung bekundet, als wenn es ihm gelänge, das Verrückte dank vorgetäuschter Recherchen als wirklich und die bare, aus irgendeinem Jahrbuch herauskopierte Realität als verrückt erscheinen zu lassen.

Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/15196908 ©2016

Lesekreis Do 26. Januar 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Schlaflose Nacht, Autorin: Margriet de Moor
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Es beginnt alles ganz harmlos. Eine Frau ergreift das Wort und berichtet von ihrer Schlaflosigkeit: Seit einiger Zeit verzichte sie darauf, sich im Bett hin und her zu wälzen, stehe stattdessen auf und backe Kuchen. So auch in dieser Nacht. In Gesellschaft ihres Hundes betritt sie die Küche, greift zu den Zutaten und beginnt, den Teig für Butterkuchen und später für russischen Zupfkuchen zusammen zu rühren.
Die Zubereitung des Gebäcks umrahmt die Novelle und gibt den Rhythmus vor. Die Tonlage der Frau ist ruhig und wohl temperiert, obwohl schon bald klar wird, dass es etwas Unfassbares ist, was sie nachts aufwachen lässt. Dabei hat sie sogar Gesellschaft: Ein Mann, den sie an diesem Tag zum ersten Mal getroffen hat, schläft tief und fest in ihrem Bett.
Die Ich-Erzählerin tastet ihre Umgebung geradezu körperlich ab. Sie spürt unter ihren nackten Füßen den weichen Holzboden ihres alten Bauernhauses, sie beugt sich zum Backofen, öffnet die Schränke, lässt sich im angrenzenden dunklen Wohnzimmer nieder. Alles wurde noch von ihrem ersten Mann eingerichtet, erwähnt sie, der in praktischen Dingen äußerst bedachtsam war.
Vierzehn Monate dauerte die Ehe nur, dann nahm sich ihr Mann Ton im Gewächshaus das Leben. Dieser Tod bildet den Glutkern der Novelle, denn Ton hinterließ keinen Abschiedsbrief. Es gab weder Anzeichen von Schwermut noch irgendwelche Vorfälle, die eine Erklärung hätten bieten können.
Der Selbstmord wirkte auf die damals Anfang zwanzigjährige Ehefrau, die gerade Lehrerin geworden war, wie eine Schuldzuweisung. Vielleicht hat sie auch deshalb nie das Haus und das Dorf verlassen können – sie blieb gebannt von der Tat. Aus der Retrospektive schildert sie nun, wie sie Tons Schwester im Studium kennenlernte, auf einem Schlittschuhausflug dann ihrem Bruder begegnete und sich ihr Leben zu runden schien, bis es jäh abriss. In den kommenden Jahren kreiste ihr gesamtes Dasein um dieses Rätsel. Als sie komplett zu veröden droht, rät ihr ihre Schwägerin, es mit Liebhabern zu versuchen. 

Die niederländische Autorin Margriet De Moor versteht sich in Untiefen menschlicher Beziehungen.

Quelle: Deutschlandradio Kultur, LESART| Beitrag vom 02.08.2016

 

 

Lesekreis Do 15. Dezember 2016, 19 Uhrdrehtuer

Buchtitel: Drehtür, Autorin: Katja Lange-Müller
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Verloren in der Transitzone: Die Berliner Schriftstellerin Katja Lange-Müller erleuchtet in ihrem neuen Roman „Drehtür“ ein Leben durch die Blitze der Erinnerung. Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen, so Wittgenstein. Asta Arnold, eine aufs Altenteil abgeschobene Krankenschwester, aber insgeheim Sprachphilosophin, würde die Worte des Meisters wohl ergänzen: Man muss vielleicht schweigen, aber man kann immer noch erzählen und sei es nur lautlos sich selbst. „Die Stimme lenkt Astas Blicke, öffnet ihr die Ohren, verbietet ihr den Mund.“ Eine fremde Stimme im Kopf, die das eigene Leben ins Gedächtnis ruft? Wem erzählt wird, der ist nicht tot, noch nicht, immerhin.
Asta steht am Münchner Flughafen, neben einer selten benutzten Drehtür bei den Mietwagen und raucht verzweifelt Duty-Free-Kippen. Sie wirkt nicht nur verloren, sie ist es auch, so wie ihr Gepäck ganz konkret auf der Strecke blieb, irgendwo zwischen Nicaragua und Deutschland.
Die Hauptfigur von Katja Lange-Müllers neuem Roman hat die letzten 22 Jahre ihres Lebens in Managua und an anderen fernen Orten, in Djerba, in Ulan Bator, verbracht, im Dienst von Hilfsorganisationen. Am Ende ging sie ihren Helferkollegen wohl nur noch auf den Wecker mit ihrer Schusseligkeit und wurde pünktlich zum Eintritt ins Rentenalter mit sanftem Nachdruck in ihr Heimatland befördert.
Dort grübelt sie über diese seltsamen Wesen, die Wörter nach: „Asta denkt – und schweigt. Mit wem, fragt sie sich, soll ich reden? Ich kenne doch keinen mehr, hier am Boden meines Vaterlandes, das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache; ich steh bloß drauf.“
Von der Stimme in ihrem Kopf wird Astas Blick auf Passanten gelenkt, die ihr bekannt vorkommen und Erinnerungs-Links zu Episoden aus ihrem ziemlich bewegten Leben legen.
Bei Katja Lange-Müller wird die Drehtür zum Erzählprinzip: Astas Erinnerung führt nicht in den Raum einer geschlossenen autobiografischen Erzählung, sondern immer wieder zu einer neuen Short Story, einem weiteren Splitter der potenziell unendlichen mémoire involontaire.

Quelle: Auszüge aus PA/DPA/Jens Kalaene

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