Gisela M. kam in die Hospizwohnung und ...
Alfred S. hat Krebs und will nur noch sterben...
Gisela M. kam in die Hospizwohnung und ...
Am 26.03.kam Gisela M. in die Konstanzer Hospiz- Wohnung. Sie war 61 Jahre alt, Fotografin und Fotolaborantin, in Polen geboren und lebte schon lange in Deutschland. Gisela litt an einer Krebserkrankung mit Metastasenbildung.
Ich lernte sie an ihrem zweiten Abend in der Wohnung kennen. Sie saß in der Wohnküche und aß ihr Abendbrot. Als ich mich vorstellen wollte, erklärte sie mir spontan: »Ich bin die Gisela, ich möchte gerne, dass wir uns duzen – alles andere ist mir viel zu anstrengend.« Mich hat die Offenheit berührt, mit der sie ihren Wunsch ausgesprochen hat, und schon in den ersten 10 Minuten hatte unser Umgang miteinander etwas sehr Vertrautes.
An diesem Abend erzählte sie mir, wie sie vom Krankenhaus in die Wohnung gebracht wurde, welche Ängste sie gehabt habe, ob der Fahrer den Weg finden würde, weil sie selbst auch nicht wusste, wo die Wohnung ist.
Sie hatte Zukunftsperspektiven, war sich sicher, dass sie sich in der Wohnung gut einleben würde. Ihr Wunsch wäre immer schon eine Wohnung in der zweiten Etage gewesen. Sie war auch noch am aktuellen Geschehen interessiert. Es war die Zeit des Irak-Krieges, sie wollte mit mir noch die Tagesschau anschauen und wir schimpften ein bisschen über die Amerikaner mit ihrem Kriegsbeginn. Dann wurde sie bald sehr müde.
In den ersten 10 Tagen saß Gisela oft in der Küche, nahm Besitz von »ihrer« Wohnung. Sie genoss die Frühstücksbrötchen, hatte Wünsche fürs Mittagessen, am liebsten Fisch – jedenfalls etwas Deftiges. Sie zeigte mir Fotos aus ihren Alben, einen wunderschönen Kalender, den sie ihrer Schwägerin selbst gemacht hatte.
Langsam nahm ihr Appetit ab, sie aß anfangs noch gerne, aber wenig, später nur noch sehr unregelmäßig. Sie verbrachte auch mehr Zeit in ihrem Zimmer, auf dem Bett oder im Sessel.
In wieweit sie sich der Schwere ihrer Krankheit bewusst war, kann ich nicht beurteilen. Sie hat wenig darüber gesprochen. Es kamen auch sehr unterschiedliche Signale. Sie wusste, dass die Hospiz-Wohnung keine Übergangslösung wie ein Krankenhaus war, denn sie hatte eine klare Nachfolgeregelung für ihre eigene Wohnung getroffen.
Gisela hatte viel Besuch, über den sie sich sehr freute, täglich kam ihre Schwägerin, ihr Lebensgefährte und Kolleginnen. Viele polnische Freunde kamen regelmäßig. Ihre Freunde brachten ihr auch einmal selbstgemachte Piroggen mit. Wenn sie Besuch hatte, hat sie alle ihre Kräfte mobilisiert, um ganz präsent zu sein.
Was für mich den Umgang mit Gisela so leicht machte, war ihre unkomplizierte Art, Bedürfnisse zu benennen. So konnte sie fragen: »Hast Du Lust, mich ein bisschen
zu massieren?« oder »Ich habe ganz kalte Füße – willst Du mir ein warmes Fußbad machen ?« und dann konnte sie da sitzen – ganz entspannt – lächelnd – und sich über die kleinen Aufmerksamkeiten freuen.
Das waren auch für mich Augenblicke von großem Frieden. Ein bisschen Körperkontakt und das Gefühl von Harmonie.
Aber sie wurde immer schwächer. Tatsächlich kam das Ende viel früher als wir anfangs alle dachten. Zu Beginn der dritten Woche zog Gisela sich sehr in sich selbst zurück. Sie blieb meist im Bett liegen – mit dem Rücken zur Tür. Zwar schenkte sie uns anfangs noch manchmal ihr unwiderstehliches Lächeln – die letzten zwei Tage sprach sie aber nur noch Polnisch – wenig.
Nach einer unruhigen Nacht starb Gisela am Samstag, den 12.04. – ruhig und friedlich im Beisein einer Hospizhelferin.
Am Sonntag hielt Frau Hinderer eine sehr persönliche Trauerfeier am Bett von Gisela. Ihre Verwandten, ihre Freunde und die vielen Hospizhelferinnen, die bei der Betreuung von Gisela mitgeholfen hatten, konnten sich von ihr mit einer Rose verabschieden. Ich selber bin froh, dass ich Gisela kennen gelernt habe und denke noch oft an sie.
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Alfred S hat Krebs und will nur noch sterben...
Alfred S. hat Lungenkrebs. Seit drei Jahren ist er pensioniert. Er lebt mit seiner Frau im elterlichen Haus, das beide Stein um Stein repariert und renoviert haben. Jetzt will er seinen Lebensabend genießen, etwas kürzer treten, öfters mal ausspannen. Jetzt hat ihn die Krankheit erwischt.
Er hat sich damit abgefunden, hat akzeptiert, wohl oder übel. Und er will es jetzt nur noch schnell hinter sich bringen.
Als ich ihn das erste Mal besuche, überfällt er mich gleich mit der einzigen und alles beherrschenden Frage. »Wer gibt mir die Todesspritze«, und »Wann bekomme ich sie, wie lange muss ich noch darauf warten? Ich will sie jetzt und sofort!«
Seine Frau wirft mir hilflose Blicke zu, fast ein bisschen entschuldigend. »Er spricht von nichts anderem mehr«, erklärt sie. »Er hat sich lange mit mir unterhalten, hat sich von den Kindern verabschiedet und von mir und will jetzt nur noch, dass es aufhört.«
Das war am vergangenen Wochenende. Seitdem drängt und bittet er seine Frau, ihm das totbringende Mittel, die Spritze, oder was auch immer zu geben. Sie ist zerrissen, versteht den Wunsch ihres Mannes, kann ihn nachvollziehen, doch es ist ihr unmöglich, sie kann und will ihn nicht erfüllen. Solange ihr Alfred noch da ist, egal wie schlecht es ihm geht, solange hat sie ihn wenigstens bei sich. Solange ist sie noch nicht allein. Und zudem: Darf sie entscheiden und in Gottes Schöpfung eingreifen? Darf und kann überhaupt irgendwer entscheiden über Leben und Tod?
Beide versuchen wir, Herrn S. davon zu überzeugen. Wir versuchen es auf alle Arten, doch nichts scheint Herrn S. von diesem einen Gedanken abzubringen. Er hat sich dafür entschieden und wir sollen, müssen diesen Wunsch akzeptieren.
Wir können es nicht. Retten uns von Stunde zu Stunde in neue Ausflüchte, Vertröstungen, Ausreden, Erklärungen, Entschuldigungen. Hoffen, dass der Schöpfer sein Werk bald selbst vollenden wird, uns die Entscheidungen und Qualen abnimmt – und das Warten. Doch Herr S. lässt sich nicht mehr vertrösten, nicht mehr länger hinhalten. Als auch sein aggressives, massives Verlangen, sein flehentliches Bitten keinen Erfolg hat, dreht er sich enttäuscht und verbittert zur Wand und bricht jegliche Unterhaltung mit uns ab.
Das dauert lange. Frau S. ist traurig. Der Arzt machtlos. Gerne würde sie einen Pfarrer holen, doch es ist schon spät und sie hat Angst, dass Alfred den »Pfaffen« wegschickt. Wir rufen ihn trotzdem. Er kommt noch in derselben Stunde, gibt Herrn S. die Krankensalbung, spricht tröstende Worte, Gebete, und Herr S. lässt es geschehen, wendet sich uns zu, lächelt ganz leise, ganz kurz. Frau S. ist so froh darüber. Es war richtig und gut, den Pfarrer zu holen. Für ihren Mann und für sie selbst.
Am nächsten Tag liegt Herr S. ruhig in seinem Bett. Er hat es aufgegeben, um die Spritze zu bitten. Ist auch zu kraftlos dazu. Seine Frau ist ängstlich, unsicher und aufgeregt. »Wie lange wird er noch leiden müssen? Wie wird sein Tod sein? Was geschieht danach mit ihm? Wen muss man verständigen? Wie sich verhalten... ?«
Je mehr Fragen ich Frau S. beantworten kann oder versuche zu beantworten, desto ruhiger wird sie. Jetzt kann sie sich schon mit der Realität auseinandersetzen, sich vorbereiten. Nicht die Tatsachen machen ihr Angst, sondern die Ungewissheiten.
Wir sprechen alles durch, nebenan in der Küche, stellen uns das Mögliche und Unmögliche vor und fühlen uns einigermaßen gewappnet, mit allem zurecht zu kommen.
Als es dunkel wird, verlasse ich Frau S. Sie schläft diese Nacht bei ihrem Mann, auf dem Fußboden. Sie bereitet alles vor.
Gegen 23.00 Uhr klingelt das Telefon. Es ist Frau S. Ich habe sie erwartet. Wir sprechen nicht viel. Ich frage nur, ob ich kommen soll und als ich ihr zittriges »Ja« am anderen Ende der Leitung höre, sitze ich schon fast im Auto.
Alfred S. liegt auf der Seite. Seine Augen sind geschlossen, der Mund leicht geöffnet. »Bitte schauen sie nach, ob er wirklich tot ist«, bittet Frau S. »Er sieht so friedlich aus, als ob er schlafen würde. Ich kann es nicht glauben.«
Dabei ist sie so froh, dass er nicht kämpfen musste, nicht von Krämpfen geplagt wurde, dass der Tod so sanft und milde kam. Und dass sie dabei sein konnte, dass sie ihm ohne Angst die Augen schließen konnte, so wie wir es am Mittag noch besprochen hatten.
Wir sitzen am Bett ihres Mannes, zünden eine Kerze an, betten ihn ein bisschen zurecht und warten auf Sigrid, ihre Tochter. Frau S. hat sie angerufen, im Schwarzwald, als ihr Mann noch lebte. Nun kommt sie zu spät.
Wir sprechen über die Krankheit von Alfred, über sein Leben, seinen Tod. Erst flüsternd, dann freier, ungezwungener, ohne Hemmungen in Anwesenheit des Verstorbenen. Die Scheu fällt, es ist nichts Unnatürliches im Raum. Alfred ist Teil von uns, ist Mittelpunkt, um den sich alles dreht.
Frau S. beginnt zu erzählen. Von seinem Leben, ihrem Leben, ihrer beider Leben. Und je länger sie erzählt, desto freier wird sie, befreit sich von der Düsternis des Todes. All das, was sie mit ihrem Mann verbindet, wird ihr erneut bewusst. Sie lebt alle Stationen noch einmal durch und wird sich auch des großen Verlustes und der Tatsache des Alleinseins bewusst.
Es klingelt und gehetzt kommt die Tochter Sigrid herein. Frau S. berichtet ihr, schließt sie weinend in die Arme. Sie nimmt mich nicht wahr, sieht nur ihren Vater und nimmt Abschied.
Ich stehe auf, möchte gehen, aber Frau S. hält mich zurück. Ich solle bleiben, bittet sie. Nach einer Weile hat sich die Tochter gefasst, dreht sich zu uns herum und was schon kurze Zeit zuvor geschah, passiert ein zweites Mal. Jetzt erzählt die Tochter. Alles was ihr einfällt, von ihrem Vater, Geschichten, Erlebnisse, Kindheitserinnerungen. Ja, wir lachen sogar und bei alledem ist Herr S. bei uns, mitten unter uns.
Wir reden bis früh in den Morgen hinein, fassen die Trauer, die Freude, die Angst und den Schmerz in Worte und geben ihn damit frei. Nichts bleibt ungesagt und nichts wird verdrängt. Es wird ausgesprochen, spontan und in Anwesenheit des Verstorbenen.
Als ich die beiden Frauen verlasse, sind sie erschöpft und von Trauer erfüllt. Von einer Trauer aber, die befreiend wirkt und erlösend, in der das Schöne überwiegt und heilend und tröstend nachklingt.
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