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Offener Lesekreis

Der offene Lesekreis – ein Angebot für alle interessierten Leser/innen

books-1439321_1920„Wir sind, im tiefsten Innern erzählende Wesen und immer auf der Suche nach Antworten. Die beste Literatur liefert nur selten Antworten, aber sie formuliert die Fragen ganz ausgezeichnet.“ Julian Barnes

Trauer, Tod und Sterben sind die großen Themen in der Literatur. In ihr erschließen sich uns neu und vertiefen sich eigene Erfahrungen. Da jeder anders liest, ist der Austausch über die jeweilige Leseerfahrung eine Erweiterung der eigenen Sicht. Im offenen Lesekreis des Hospiz e. V. wird über ein vorab festgelegtes Buch gesprochen, die Teilnehmenden sollen das Buch also gelesen haben. Der Lesekreis wird begleitet von Inge Straub und John Loram, zwei leidenschaftliche Leser, die seit langem im Hospizverein Konstanz ehrenamtlich engagiert sind. Die Titel, die im offenen Lesekreis jeweils besprochen werden, sowie alle Termine finden sie auf dieser Seite.

Nächster Termin:

Lesekreis Do 22. Juni 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Lebensstufen, Autor: Julian Barnes
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

 

»Ein außergewöhnlich intimes und ehrliches Buch über Liebe und Trauer« The Times

Julian Barnes’ neues Buch handelt von Ballonfahrt, Fotografie, Liebe und Trauer. Davon, dass man zwei Menschen oder zwei Dinge verbindet und sie wieder auseinanderreißt. Einer der Juroren für den Man Booker Prize nannte Julian Barnes einen »beispiellosen Zauberer des Herzens«. Das vorliegende Buch bestätigt dies. Julian Barnes schreibt über die menschliche Existenz – auf der Erde und in der Luft. Wir lernen Nadar kennen, Pionier der Ballonfahrt und einer der ersten Fotografen, die Luftaufnahmen machten, sowie Colonel Fred Burnaby, der zum eigenwilligen Bewunderer der extravaganten Schauspielerin Sarah Bernhardt wird. Und wir lesen über Julian Barnes’ eigene Trauer über den Tod seiner Frau – schonungslos offen, präzise und tief berührend. Ein Buch über das Wagnis zu lieben.

»Eines der besten, bewegendsten Bücher, die es gibt« Evening Standard

»Es ist außergewöhnlich, auf einer Seite auszudrücken, was Leben heißt.« The Guardian

»Jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat und leidet, oder jeder, der leidet, sollte es lesen. Und noch mal lesen. Und noch mal.« Independent

Julian Barnes: Lebensstufen
Kiepenheuer&Witsch, 2015
ISBN: 978-3-462-04727-1

Quelle:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/lebensstufen/978-3-462-04727-1/

 


Weitere Termine und Titel:

Do 22.06.2017            Julian Barnes, Lebensstufen
Do 20.07.2017            Ilse Helbich, Grenzland. Zwischenland
Do 21.09.2017            Abbas Khider, Der falsche Inder
Do 19.10.2017            Robert Seethaler, Ein ganzes Leben
Do 16.11.2017            Antonio Skarmeta, Mit brennender Geduld
Do 14.12.2017            Michaela Murgia, Accabadora
Do 18.01.2018            John Banville, Die See
Do 22.02.2018            Steven Galloway, Der Cellist von Sarajevo

 

 

 

ARCHIV LESEKREIS

Lesekreis Do 18. Mai 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Leibhaftig, Autorin: Christa Wolf
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Darf man so über eine Krankheit zum Tode, über die Grenzzonen menschlichen In-der-Welt- Seins schreiben, wie es Christa Wolf in ihrer lange erwarteten neuen Prosaarbeit getan hat? Mit dieser charmanten Heiterkeit, diesem geradezu übermütigen Erzähltemperament? Haben die kunstvollen labyrinthischen Verschlingungen von Bewusstseinspartikeln und Fieberphantasien, die harmonisch geschwungene Architektur aus Innenräumen noch etwas mit der Selbsterfahrung der Hauptfigur, einer etwa sechzigjährigen Frau, zu tun, die in höchster Gefahr schwebt, während ihre Seele sich, aufgeteilt in zwei Erzählstimmen, mit vitalem Witz Gehör verschafft? Man darf. Ein literarischer Text darf alles. Dieser Text – man könnte ihn Bewusstseinsprosa nennen, wenn dieser Begriff angesichts der Entmachtung des realistischen Erzählens nicht obsolet geworden wäre – schneidet tief ins Fleisch der Sprache, «zum Eiterherd, dorthin, wo der glühende Kern der Wahrheit mit dem Kern der Lüge zusammenfällt». Aber ihr Blut ist Kunstblut. Die gelassene Selbstdistanz ist ästhetisch sublimiert. So schreibt nur über Todesgefahr, wer noch einmal mit heiler Haut davongekommen ist.

Zu Beginn von Christa Wolfs neuer knapp 200-seitiger Erzählung „Leibhaftig“ wird eine Frau fortgeschrittenen Alters ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hat, wie die Erzählerinnen in „Christa T.“, „Kindheitsmuster“, „Sommerstück“ oder „Was bleibt“, auffällige Ähnlichkeiten mit Christa Wolf. Sie muss zunächst unter dramatischen Umständen wegen „Herzrasen“, Tachykardie, behandelt werden. Dann jedoch erfährt der Leser, dass diese Beschwerden nur Symptom einer lange verschleppten Blinddarmentzündung sind. Eine erste Operation ist nicht erfolgreich, ein versteckter Eiterherd verursacht hohes Fieber, weitere Operationen sind unvermeidlich. Erst Wochen später gelingt es, die lebensbedrohlichen Erreger zu identifizieren und die Patientin allmählich wiederherzustellen.

In jenen bangen Wochen, die sie – durch Fieberschübe und Therapieversuche gleichermaßen gequält – im Hospital zubringt, entscheidet sich auch das Schicksal von Urban, eines ehemaligen Freundes der Kranken. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten, haben sich jedoch auseinandergelebt, nachdem Urban in der DDR Karriere machte und den Machthabern des Landes widerstandslos zu Willen war. Kurz bevor die Erzählerin ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hat sie erfahren, dass Urban verschwunden ist. Nach ihrer Gesundung wird ihr mitgeteilt, dass er sich erhängt habe und erst nach Wochen in einem entlegenen Waldstück gefunden wurde.

Mit dieser Erzählung hat Christa Wolf die Grenzen ihrer Sprache und Erzählkunst und zugleich dessen, was sich über den inneren Zustand der späten DDR noch Sinnvolles sagen lässt, literarisch noch einmal weit hinausgeschoben in Bereiche des Nichtsichtbaren, Nichthörbaren, Nichtfassbaren; über die Grenzen hinaus, wo sich Bewusstes und Unterbewusstes vermischen und wo die Gespenster wohnen, denen wir es zu verdanken haben, dass die Vergangenheit, nach einem Wort von Christa Wolf, einfach nicht totzukriegen ist.

Christa Wolf: Leibhaftig
Luchterhand, München 2002.
suhrkamp taschenbuch Frankfurt 2009

Quellen:
Uwe Wittstock | Die Welt 23.02.2002
Beatrix Langner, NZZ 23.02.2002

Lesekreis Do 27. April 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Einmal noch Marseille Autor: Björn Kern
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Nicht der Engel mit dem Flammenschwert vertreibt heutzutage aus dem Paradies ruhiger Alltäglichkeit, sondern die ärztliche Diagnose. „Es ist keine Arthrose“, heißt es auf der ersten Seite dieses schmalen Romans. Vater, Mutter, Kind: die Figurenkonstellation des Buches ist denkbar einfach, aber von diesem Satz an ist nichts mehr alltäglich im Leben der Familie. Denn der Befund, der nie beim klinischen Namen genannt wird, bedeutet das Todesurteil für die lebensfrohe Mutter. Eine Muskelkrankheit hat die Lehrerin befallen; und sie selbst kennt klarsichtig die Stationen ihres unaufhaltsamen Siechtums: „Ich werde mich nicht mehr bewegen können, sagte sie, ich werde nicht mehr schlucken können, und am Ende ersticke ich.“ Genauso trifft es ein, das medizinische Wunder bleibt aus, am Ende des Buches sitzt der Sohn am Bett seiner toten Mutter, die sich zuletzt nur noch mit minimalen Kopfbewegungen verständlich machen konnte. Eine andere Form von Alltäglichkeit, nur eben kein Paradies mehr.
Nüchtern erzählt Björn Kern die Geschichte vom Zerfall einer Familie. Der Sohn wird zum Chronisten der Krankheit; aus der Ich-Perspektive schildert er die Hilflosigkeit seines Vaters, das eigene Schwanken zwischen Anteilnahme und Verdrängung, die Versuche der Mutter, sich auf immer neue technische Hilfsmittel einzustellen. Die Abfolge dieser Geräte spiegelt die zunehmende Schwäche derer, die auf sie angewiesen sind: Am Anfang steht das automatische Lesegerät, das die Seiten eines Buches umwenden soll und dabei – seltener Moment des Humors – schon mal den neuen Roman von Günter Grass malträtiert. In immer größerem Tempo kommen kompliziertere Apparaturen hinzu: eine Atemmaschine, ein elektrisches Bett, ein Hebekran, ein aufwendiger Rollstuhl, der, wie es bewundernd heißt, „vierzehn Funktionen und halb so viele Motoren“ hat, und schließlich ein Sprachcomputer. Ein stattlicher Maschinenpark gehört bald zum Inventar des Kleinbürgerhaushalts; im ehemaligen Kinderzimmer stapeln sich leere Verpackungen und Ladegeräte für die vielen Batterien.
So entstehen Bilder aus dem Pflegealltag, den die Verordnungen des Gesundheitswesens mit Gebührensätzen zu regulieren versuchen. Der Kontrollbesuch des Krankenkasseninspektors gehört zu den wenigen und unerwünschten Abwechslungen im Leben der drei Menschen, die sich immer mehr der Außenwelt verschließen. Das freilich führt den Roman an seine Grenzen. Kern konzentriert sich ganz auf die innerfamiliären Veränderungen und vernachlässigt darüber die übrigen Personen seiner keineswegs hermetischen Welt. Die namenlose Freundin des Ich-Erzählers bleibt ebenso blaß wie die Freundinnen der Mutter, die – an der Grenze zur Karikatur – mit einer seltsam diffusen Gruppenidentität ausgestattet werden.
Wiederholt versuchen Mutter und Sohn aus dem Gefängnis der engen Wohnung auszubrechen. Eine Reise nach Marseille wird zum Höhepunkt dieser kleinen Fluchten; am Ende schiebt der Sohn noch einmal das Bett seiner inzwischen fast völlig gelähmten Mutter durch die Straßen der Heimatstadt bis in den Stadtpark. Man mag Zweifel daran haben, ob diese Szene die Abmessungen von Krankenbetten und modernen Wohnhausfahrstühlen berücksichtigt – auf alle Fälle bleibt dieses Bild eine anrührende Ikone im Kampf gegen die Unerbittlichkeit der Krankheit.
Hat das jedoch, was menschlich anrührt, auch literarischen Belang? Kein Zweifel kann daran bestehen, daß sich der knapp dreißigjährige Björn Kern für sein zweites Buch (der Roman „Kipppunkt“ erschien 2001) ein schwieriges Sujet gewählt hat, das zur Zeit eine erstaunliche Konjunktur nicht nur auf dem deutschen Buchmarkt erfährt. In den letzten Jahren haben unter anderen Jakob Hein, Lydia Flem oder jüngst Angelika Overath den Abschied von ihren kranken und schwachen Müttern zum Thema ihrer Bücher gemacht. Sie alle standen vor der selbstgewählten Aufgabe, ihrer Leserschaft Persönlichstes darzulegen und für den Schmerz, die Trauer und die Hilflosigkeit des Verlassenwerdens Worte zu finden, die über unmittelbares Betroffensein hinausgehen. Im besten Fall kann die Trauer zum Antrieb für ein genaues und unsentimentales Erzählen werden, das die Schilderung des Einmaligen und Privaten transparent werden läßt für die allgemeinen Bedingungen unserer Existenz, seien sie nun im Gesellschaftlich-Sozialen, in den komplizierten Vorgängen der Psyche oder der Hinfälligkeit alles menschlichen Lebens zu suchen.
In diesem Chor der verwaisten Erzähler kommt Björn Kern eine respektable Stimme zu. Dem Protagonisten seines Romans ist das Leben der Mutter vor ihrer Krankheit erstaunlich gleichgültig, die Stationen des unausweichlichen Abschieds dokumentiert er aber mit teilweise beklemmender Präzision. Wenn Leser des Buches durch Kerns lakonische Sprache an eigene Erfahrungen der Ohnmacht angesichts von Krankheit und Tod und damit an die Grenzen ihrer Selbstbestimmung erinnert werden, so ist das kein geringes Lob für einen jungen Autor.

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-bett-im-stadtpark-1306968.html [28.03.2017]
Björn Kern: „Einmal noch Marseille“. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2005. 127 S.

Lesekreis Do 23. März 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Vom Ende der Einsamkeit, Autor: Benedict Wells
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

„Ich kenne den Tod schon lange, jetzt kennt der Tod auch mich.“ So beginnt Benedict Wells 2016 erschienenes Buch „Vom Ende der Einsamkeit“, das die Bestsellerlisten stürmte. Jules kommt nach einem Motorradunfall und mehrtägigem Koma im Krankenhaus allmählich zu sich. Hier beginnt ein chronologischer Rückblick auf Jules‘ Leben. Ausgangspunkt ist der Unfalltod der Eltern, als Jules elf Jahre alt war. Bis zu diesem Zeitpunkt sind Jules und seine beiden älteren Geschwister behütet aufgewachsen. Wie unterschiedlich seine Hauptfiguren den Tod ihrer Eltern verarbeiten, zeigt Benedict Wells u. a. in der Schilderung der düsteren Internatsjahre. Sehr eindringlich gelingt es Benedict Wells, die vielen Glücksmomente der frühen Kindheit und dann die traumatischen, einsamen Jugendjahre seines Helden zu schildern. Es sind die stillen Dramen, die Wells gekonnt antippt, und die ein Leben zuweilen ebenso an den Abgrund führen können wie die gnadenlosen Schicksalsschläge, die in diesem Roman dicht aufeinanderfolgen. An mancher Stelle würde man sich wünschen, dass das, was den Figuren zustößt, in einem etwas realistischeren Maß gehalten wäre. Andererseits dient die Konzentration der Katastrophen dem Autor dazu, seine Fragestellung zu verdichten: „Was sorgt dafür, dass ein Leben wird, wie es wird?“

Der Roman von Benedict Wells wird von einem wehmütigen Ton und einer schlichten, schönen Sprache getragen. In Verbindung mit gewitzten Dialogen und einer cleveren, für Spannung sorgenden Dramaturgie ist diese Mischung sehr einnehmend. Zudem baut Wells überraschende Wendungen ein: Lange Zeit nimmt man als Leser arglos für bare Münze, was sich dann wie nebenbei als Trugbild erweist. Dafür ist aber das Ende des Romans dann nach dem letzten, schwersten Schlag so wärmend, tröstend und von einer so zwingenden emotionalen Logik, dass man den Figuren nach der Lektüre noch lange Zeit in Gedanken folgt.

Quelle: Auszüge aus der Sendung des SWR2 Buch der Woche am 18.04.2016

Lesekreis Do 23. Februar 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Schilten, Autor: Hermann Burger
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Labilen Lehrern dürfte es nach der Lektüre lausig gehen. Lehramtskandidaten raten wir, dieses Buch lieber links liegen zu lassen.
Hermann Burgers Romanerstling „Schilten“, 1976 erschienen und nun wieder neu aufgelegt, ist nicht nur ein an Kafka und Bernhard geschultes, virtuoses sprachliches Meisterwerk. Mit unvergleichlicher Intensität, immerzu schwankend zwischen Tragik und Komik, schildert der Schweizer Autor die Krankheits- und Todesgeschichte eines Lehrers.
Armin Schiltknecht ist Lehrer im abgelegenen Schweizer Dorf Schilten. Der Schulinspektor, an den sich der Lehrer mit jenem Bericht wendet, der den Roman darstellt, wird das Schulhaus nie erreichen. Der ausbleibende Inspektor ist der Anlass dieses Monologs, den Schildknecht, der Knecht der Schiltener Verhältnisse, in einer von Wahn gekennzeichneten, aber auch wahnsinnig schöpferischen Sprache verfasst: Thema des Buches, wie des gesamten schriftstellerischen Schaffens Burgers, der 1989 den Freitod wählte, ist die Macht des Todes über das Leben. Symbolisch verdichtet ist dies in der engen Verfilzung von Friedhof- und Schul-Betrieb. Der an die Lehranstalt angrenzende Friedhof beeinträchtigt den Schulalltag massiv. Die Totenfeiern des Dorfes finden in der Turnhalle statt, Friedhof und Schule haben die gleiche Rufnummer, der Hausmeister arbeitet zugleich als Totengräber. Das gesamte Dorf, in dem Burger das Schweizer Urdorf an sich vermuten lässt, ist ein Reich des Todes. Leidend unter der Lehrerkrankheit, die der Autor als das innere Abgestorbensein einer mit Lumpen von leblosem Wissen behangenen Vogelscheuche beschreibt, reagiert Schildknecht darauf mit seiner aberwitzigen Todesdidaktik. Er vergibt Scheintoten-Praktika an seine Zöglinge, spielt mit den Schülern „Gräber-Rezitieren“ und unterrichtet sie in Nebelkunde; denn „Leben“ vom Ende gelesen ergibt „Nebel“. Als sich alle ehemaligen Schüler des Lehrers feierlich versammeln, wird endgültig klar, dass Schildknecht aufgrund einer Suspendierung seit Langem schon vor leeren Bänken unterrichtet hat. Das Fest in der Turnhalle, wie könnte es anders sein, ist seine eigene imaginierte Totenfeier. Burgers Absicht, den Leser derart in die Schiltener Verhältnisse zu ziehen, dass ihm schwindlig werde, beruht auf einem methodischen Trick: der gegenseitigen Maskierung von Wirklichkeit und Fiktion. Nie sei er glücklicher, hat der Sprachkünstler Burger in seiner Frankfurter Poetikvorlesung bekundet, als wenn es ihm gelänge, das Verrückte dank vorgetäuschter Recherchen als wirklich und die bare, aus irgendeinem Jahrbuch herauskopierte Realität als verrückt erscheinen zu lassen.

Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/15196908 ©2016

Lesekreis Do 26. Januar 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Schlaflose Nacht, Autorin: Margriet de Moor
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Es beginnt alles ganz harmlos. Eine Frau ergreift das Wort und berichtet von ihrer Schlaflosigkeit: Seit einiger Zeit verzichte sie darauf, sich im Bett hin und her zu wälzen, stehe stattdessen auf und backe Kuchen. So auch in dieser Nacht. In Gesellschaft ihres Hundes betritt sie die Küche, greift zu den Zutaten und beginnt, den Teig für Butterkuchen und später für russischen Zupfkuchen zusammen zu rühren.
Die Zubereitung des Gebäcks umrahmt die Novelle und gibt den Rhythmus vor. Die Tonlage der Frau ist ruhig und wohl temperiert, obwohl schon bald klar wird, dass es etwas Unfassbares ist, was sie nachts aufwachen lässt. Dabei hat sie sogar Gesellschaft: Ein Mann, den sie an diesem Tag zum ersten Mal getroffen hat, schläft tief und fest in ihrem Bett.
Die Ich-Erzählerin tastet ihre Umgebung geradezu körperlich ab. Sie spürt unter ihren nackten Füßen den weichen Holzboden ihres alten Bauernhauses, sie beugt sich zum Backofen, öffnet die Schränke, lässt sich im angrenzenden dunklen Wohnzimmer nieder. Alles wurde noch von ihrem ersten Mann eingerichtet, erwähnt sie, der in praktischen Dingen äußerst bedachtsam war.
Vierzehn Monate dauerte die Ehe nur, dann nahm sich ihr Mann Ton im Gewächshaus das Leben. Dieser Tod bildet den Glutkern der Novelle, denn Ton hinterließ keinen Abschiedsbrief. Es gab weder Anzeichen von Schwermut noch irgendwelche Vorfälle, die eine Erklärung hätten bieten können.
Der Selbstmord wirkte auf die damals Anfang zwanzigjährige Ehefrau, die gerade Lehrerin geworden war, wie eine Schuldzuweisung. Vielleicht hat sie auch deshalb nie das Haus und das Dorf verlassen können – sie blieb gebannt von der Tat. Aus der Retrospektive schildert sie nun, wie sie Tons Schwester im Studium kennenlernte, auf einem Schlittschuhausflug dann ihrem Bruder begegnete und sich ihr Leben zu runden schien, bis es jäh abriss. In den kommenden Jahren kreiste ihr gesamtes Dasein um dieses Rätsel. Als sie komplett zu veröden droht, rät ihr ihre Schwägerin, es mit Liebhabern zu versuchen. 

Die niederländische Autorin Margriet De Moor versteht sich in Untiefen menschlicher Beziehungen.

Quelle: Deutschlandradio Kultur, LESART| Beitrag vom 02.08.2016

 

 

Lesekreis Do 15. Dezember 2016, 19 Uhrdrehtuer

Buchtitel: Drehtür, Autorin: Katja Lange-Müller
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Verloren in der Transitzone: Die Berliner Schriftstellerin Katja Lange-Müller erleuchtet in ihrem neuen Roman „Drehtür“ ein Leben durch die Blitze der Erinnerung. Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen, so Wittgenstein. Asta Arnold, eine aufs Altenteil abgeschobene Krankenschwester, aber insgeheim Sprachphilosophin, würde die Worte des Meisters wohl ergänzen: Man muss vielleicht schweigen, aber man kann immer noch erzählen und sei es nur lautlos sich selbst. „Die Stimme lenkt Astas Blicke, öffnet ihr die Ohren, verbietet ihr den Mund.“ Eine fremde Stimme im Kopf, die das eigene Leben ins Gedächtnis ruft? Wem erzählt wird, der ist nicht tot, noch nicht, immerhin.
Asta steht am Münchner Flughafen, neben einer selten benutzten Drehtür bei den Mietwagen und raucht verzweifelt Duty-Free-Kippen. Sie wirkt nicht nur verloren, sie ist es auch, so wie ihr Gepäck ganz konkret auf der Strecke blieb, irgendwo zwischen Nicaragua und Deutschland.
Die Hauptfigur von Katja Lange-Müllers neuem Roman hat die letzten 22 Jahre ihres Lebens in Managua und an anderen fernen Orten, in Djerba, in Ulan Bator, verbracht, im Dienst von Hilfsorganisationen. Am Ende ging sie ihren Helferkollegen wohl nur noch auf den Wecker mit ihrer Schusseligkeit und wurde pünktlich zum Eintritt ins Rentenalter mit sanftem Nachdruck in ihr Heimatland befördert.
Dort grübelt sie über diese seltsamen Wesen, die Wörter nach: „Asta denkt – und schweigt. Mit wem, fragt sie sich, soll ich reden? Ich kenne doch keinen mehr, hier am Boden meines Vaterlandes, das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache; ich steh bloß drauf.“
Von der Stimme in ihrem Kopf wird Astas Blick auf Passanten gelenkt, die ihr bekannt vorkommen und Erinnerungs-Links zu Episoden aus ihrem ziemlich bewegten Leben legen.
Bei Katja Lange-Müller wird die Drehtür zum Erzählprinzip: Astas Erinnerung führt nicht in den Raum einer geschlossenen autobiografischen Erzählung, sondern immer wieder zu einer neuen Short Story, einem weiteren Splitter der potenziell unendlichen mémoire involontaire.

Quelle: Auszüge aus PA/DPA/Jens Kalaene

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