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Offener Lesekreis

Der offene Lesekreis – ein Angebot für alle interessierten Leser/innen

books-1439321_1920„Wir sind, im tiefsten Innern erzählende Wesen und immer auf der Suche nach Antworten. Die beste Literatur liefert nur selten Antworten, aber sie formuliert die Fragen ganz ausgezeichnet.“ Julian Barnes

Trauer, Tod und Sterben sind die großen Themen in der Literatur. In ihr erschließen sich uns neu und vertiefen sich eigene Erfahrungen. Da jeder anders liest, ist der Austausch über die jeweilige Leseerfahrung eine Erweiterung der eigenen Sicht. Im offenen Lesekreis des Hospiz e. V. wird über ein vorab festgelegtes Buch gesprochen, die Teilnehmenden sollen das Buch also gelesen haben. Der Lesekreis wird begleitet von Inge Straub und John Loram, zwei leidenschaftliche Leser, die seit langem im Hospizverein Konstanz ehrenamtlich engagiert sind. Die Titel, die im offenen Lesekreis jeweils besprochen werden, sowie alle Termine finden sie auf dieser Seite.

Nächster Termin:

Lesekreis Do 16. November 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Mit brennender GeduldAutor: Antonio Skármeta 
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Antonio Skármeta war mit Pablo Neruda befreundet und bis zum Militärputsch Pinochets Dozent für lateinamerikanische Literatur. Im Exil in Deutschland hat er begonnen, Drehbücher zu schreiben. Weltberühmt wurde er mit dem Roman „Mit brennender Geduld“.

Sein bekanntestes Buch, den Roman „Mit brennender Geduld“, hat Skármeta 1984 selbst verfilmt. Es ist die Geschichte von Mario Jiménez, der nicht mehr wie seine Vorfahren Fischer sein möchte. Als Postbote in Isla Negra, dem Urlaubsort von Pablo Neruda an der Pazifikküste, bringt er dem Dichter die Post und möchte von ihm die Kunst der Metapher erlernen, um mit Poesie die angebetete Beatrice zu erobern. Roman- und Filmtitel sind einerseits ein Zitat von Arthur Rimbaud: „Im Morgengrauen werden wir, bewaffnet mit brennender Geduld, die Städte betreten.“ Andererseits hat sich Neruda bei der Dankesrede zur Verleihung des Nobelpreises auf Rimbaud berufen: „Nur mit brennender Geduld werden wir die strahlende Stadt erobern, die allen Menschen Licht, Gerechtigkeit und Würde schenken wird. So wird die Poesie nicht vergebens gesungen haben.“ Der Roman endet mit dem Tod Nerudas und dem gewaltsamen Verschwinden Marios.

Antonio Skármeta: Mit brennender Geduld
Roman
Piper Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN 978-3492226783

Quelle:
http://oe1.orf.at/artikel/205612 


Weitere Termine und Titel:

Do 14.12.2017            Michaela Murgia, Accabadora
Do 18.01.2018            John Banville, Die See
Do 22.02.2018            Steven Galloway, Der Cellist von Sarajevo


ARCHIV LESEKREIS

Lesekreis Do 19. Oktober 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Ein ganzes Leben, Autor: Robert Seethaler
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Aufgewachsen in der dörflichen Abgeschiedenheit um die Jahrhundertwende, ohne Zuwendung und mit den Gertenschlägen des Ziehvaters – Andreas Eggers Leben nimmt keinen guten Anfang. Robert Seethalers neuer Roman erzählt vom einfachen Leben, von Fortschritt und Veränderung. Von einem Einzelgänger, der die schützenden Grenzen seines Bergdorfes niemals hinter sich lässt.

Andreas Egger ist noch jung, vier oder fünf Jahre vielleicht, als seine Mutter an Schwindsucht stirbt. Es ist der Anfang des 20.Jahrhunderts und während in den Großstädten langsam hektische Geschäftigkeit das Beschauliche ablöst, scheint in dem Bergdorf, in das Andreas nun gebracht wird, die Zeit stillzustehen. Er findet Obdach beim Großbauern Kranzstocker, der ihn jedoch nicht aus Mildtätigkeit, sondern des Geldes wegen aufnimmt, das Andreas in einem ledernen Beutel um den Hals trägt. Er ist eine willkommene Arbeitskraft und dem Jähzorn des mürrischen Alten von Anfang an ausgeliefert. Der mit Wasser geschmeidig gehaltenen Haselnussgerte begegnet er öfter als einem liebevollen Wort.

Einmal schlägt der Bauer mit solcher Wucht, dass Andreas‘ Oberschenkelknochen bricht. Notdürftig geschient vom Dorfarzt, verbringt er Wochen liegend. Fortan wird er hinken, seine Knochen sind schief zusammengewachsen. Als Andreas alt genug ist, sich gegen die Prügel zur Wehr zu setzen, verlässt er den Hof und heuert bei einer aufstrebenden Firma im dörflichen Idyll an, die sich für den Bau zahlreicher Seilbahnen verantwortlich zeigt. Schneisen werden durch den Wald geschlagen, den Bergen wird mit Stahl und Hammer zu Leibe gerückt wie einer steinernen Skulptur. Und Andreas Egger weiß, wie man arbeitet. Trotz seines Hinkens ist er kräftig und geschickt. Andere haben weniger Glück, Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung, Arbeitsschutz ein Fremdwort.

„Es ist eine Sauerei mit dem Sterben“, sagte er. „Man wird einfach weniger mit der Zeit. Bei dem einen geht es schnell, beim Nächsten kann es dauern. Von der Geburt an verlierst du eines nach dem anderen: zuerst einen Zeh, dann einen Arm, zuerst einen Zahn, dann das Gebiss, zuerst eine Erinnerung, dann das ganze Gedächtnis und so weiter und so fort, bis irgendwann nichts mehr übrig bleibt. Dann hauen sie den letzten Rest von dir in ein Loch und schaufeln es zu und fertig.“

Andreas Egger ist ein genügsamer und stiller Mann. Einer, der lieber zuhört statt selbst zu reden. Einer, der selbst in den Fünzigerjahren noch immer etwas hilflos vor dem Fernseher der dörflichen Kneipe sitzt, weil der damit nichts anzufangen weiß. Einer, der sich nur einmal im Leben verliebt und diese Frau bei einem Lawinenunglück verliert. Robert Seethaler zeichnet den Weg eines einfachen Mannes. Eines Mannes, wie es viele in den Bergdörfern um die Jahrhundertwende gegeben hat. Der Natur verbunden, etwas eigenbrötlerisch, Einzelgänger mit einem Herz, das manchmal im Verborgenen schlägt. Nur einmal verlässt er sein Dorf – als Krieg ist.

Robert Seethalers Roman, der auf nur hundertfünzig Seiten tatsächlich ein ganzes Leben erzählen kann, strömt wie ein leise plätschernder Bergfluss voran, ruhig, gleichförmig und klar. Es ist, als flössen die Worte mit einer Selbstverständlichkeit auf’s Papier wie manch ein anderer atmet. Seethaler weiß, wie man schreibt, wie man berührt, mit den einfachen Dingen, mit dem gewöhnlichen Leben. Die Ursprünglichkeit der Natur und des Dorflebens bilden einen starken Kontrast zum immer stetiger Einzug haltenden Fortschritt, das Dorf und die Welt verändern sich, Eggers selbst muss irgendwann kapitulieren. ,Ein ganzes Leben‚ ist ein stiller, ein ruhiger Roman, so wie sein Protagonist selbst. Sehr lesenswert!

Der Tod gehörte zum Leben wie der Schimmel zum Brot. Der Tod war das Fieber. Er war der Hunger. Er war eine Ritze in der Barackenwand, durch die der Winterwind pfiff.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben
Roman
Hanser Verlag, 160 Seiten
ISBN 9783446246454

Quelle:
http://literatourismus.net/2014/07/robert-seethaler-ein-ganzes-leben/  (leicht verändert)

Lesekreis Do 21. September 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Der falsche Inder, Autor: Abbas Khider
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 2, 78462 Konstanz

Der Deutsch-Iraker Abbas Khider lebt seit fünfzehn Jahren in Deutschland. Der ehemalige Flüchtling, der 1996 dem Regime Saddam Hussein entkam, hielt sich in mehreren Ländern als illegaler Einwanderer auf.

Sein auf Deutsch geschriebener Roman „Der falsche Inder“ erzählt weitgehend die Lebensgeschichte seines Autors. Im Gespräch mit Khider fällt es mitunter schwer, die im Buch wiedergegebene Odyssee des Schreckens in Einklang zu bringen mit diesem lebenssprühenden Charismatiker, der beim Erzählen immer wieder in hysterische Lachanfälle abgleitet. Khider kennt den scheinbaren Widerspruch: „Die Leute denken: Wie kann es sein, dass dieser grinsende Typ all diesen Horror erlebt hat? Und ehrlich gesagt: Manchmal kann ich selbst kaum glauben, dass mir das alles passiert ist.“ Wieder geht das Ende des Satzes in markerschütterndem Lachen unter.
Auch im Buch selbst erzählt Khider seine Lebensgeschichte im stilistischen Slalom zwischen existenzieller Misere und greller Komik. Da ist zum Beispiel seine Aufteilung der weiblichen Weltbevölkerung in „Kuh-“ und „Ziegenschönheiten“. Die Kühe, das sind die üppigen Frauen der arabischen Welt, die Ziegen die dürren Mädchen des Westens. Ein paar weibliche Testleserinnen, erzählt Khider, hätten gegen diese polarisierende Körpersicht protestiert. Er setzte sich über den Einspruch hinweg – und hat nun eine diebische Freude daran, dass sich sein Buch ausgerechnet in Bayern am besten verkauft: „Im Bundesland der Kuhschönheiten!“
Oft, sagt Khider, sei er überzeugt, dass ihn letztlich genau diese Verfasstheit vor dem innerlichen Sterben gerettet habe, dem so viele seiner illegalen Weggefährten zum Opfer gefallen seien. Es gebe da ein arabisches Sprichwort, sagt er: „Geduld und Humor sind die Kamele, mit denen man durch jede Wüste kommt.“

Abbas Khider: Der falsche Inder.
Roman
Edition Nautilus, Hamburg 2008. 160 Seiten
ISBN 978-3-89401-576-3

Quelle:
Der Tagesspiegel, 19.09.2008, gedruckte Ausgabe

Lesekreis Do 22. Juni 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Lebensstufen, Autor: Julian Barnes
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

 

»Ein außergewöhnlich intimes und ehrliches Buch über Liebe und Trauer« The Times

Julian Barnes’ neues Buch handelt von Ballonfahrt, Fotografie, Liebe und Trauer. Davon, dass man zwei Menschen oder zwei Dinge verbindet und sie wieder auseinanderreißt. Einer der Juroren für den Man Booker Prize nannte Julian Barnes einen »beispiellosen Zauberer des Herzens«. Das vorliegende Buch bestätigt dies. Julian Barnes schreibt über die menschliche Existenz – auf der Erde und in der Luft. Wir lernen Nadar kennen, Pionier der Ballonfahrt und einer der ersten Fotografen, die Luftaufnahmen machten, sowie Colonel Fred Burnaby, der zum eigenwilligen Bewunderer der extravaganten Schauspielerin Sarah Bernhardt wird. Und wir lesen über Julian Barnes’ eigene Trauer über den Tod seiner Frau – schonungslos offen, präzise und tief berührend. Ein Buch über das Wagnis zu lieben.

»Eines der besten, bewegendsten Bücher, die es gibt« Evening Standard

»Es ist außergewöhnlich, auf einer Seite auszudrücken, was Leben heißt.« The Guardian

»Jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat und leidet, oder jeder, der leidet, sollte es lesen. Und noch mal lesen. Und noch mal.« Independent

Julian Barnes: Lebensstufen
Kiepenheuer&Witsch, 2015
ISBN: 978-3-462-04727-1

Quelle:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/lebensstufen/978-3-462-04727-1/

Lesekreis Do 18. Mai 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Leibhaftig, Autorin: Christa Wolf
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Darf man so über eine Krankheit zum Tode, über die Grenzzonen menschlichen In-der-Welt- Seins schreiben, wie es Christa Wolf in ihrer lange erwarteten neuen Prosaarbeit getan hat? Mit dieser charmanten Heiterkeit, diesem geradezu übermütigen Erzähltemperament? Haben die kunstvollen labyrinthischen Verschlingungen von Bewusstseinspartikeln und Fieberphantasien, die harmonisch geschwungene Architektur aus Innenräumen noch etwas mit der Selbsterfahrung der Hauptfigur, einer etwa sechzigjährigen Frau, zu tun, die in höchster Gefahr schwebt, während ihre Seele sich, aufgeteilt in zwei Erzählstimmen, mit vitalem Witz Gehör verschafft? Man darf. Ein literarischer Text darf alles. Dieser Text – man könnte ihn Bewusstseinsprosa nennen, wenn dieser Begriff angesichts der Entmachtung des realistischen Erzählens nicht obsolet geworden wäre – schneidet tief ins Fleisch der Sprache, «zum Eiterherd, dorthin, wo der glühende Kern der Wahrheit mit dem Kern der Lüge zusammenfällt». Aber ihr Blut ist Kunstblut. Die gelassene Selbstdistanz ist ästhetisch sublimiert. So schreibt nur über Todesgefahr, wer noch einmal mit heiler Haut davongekommen ist.

Zu Beginn von Christa Wolfs neuer knapp 200-seitiger Erzählung „Leibhaftig“ wird eine Frau fortgeschrittenen Alters ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hat, wie die Erzählerinnen in „Christa T.“, „Kindheitsmuster“, „Sommerstück“ oder „Was bleibt“, auffällige Ähnlichkeiten mit Christa Wolf. Sie muss zunächst unter dramatischen Umständen wegen „Herzrasen“, Tachykardie, behandelt werden. Dann jedoch erfährt der Leser, dass diese Beschwerden nur Symptom einer lange verschleppten Blinddarmentzündung sind. Eine erste Operation ist nicht erfolgreich, ein versteckter Eiterherd verursacht hohes Fieber, weitere Operationen sind unvermeidlich. Erst Wochen später gelingt es, die lebensbedrohlichen Erreger zu identifizieren und die Patientin allmählich wiederherzustellen.

In jenen bangen Wochen, die sie – durch Fieberschübe und Therapieversuche gleichermaßen gequält – im Hospital zubringt, entscheidet sich auch das Schicksal von Urban, eines ehemaligen Freundes der Kranken. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten, haben sich jedoch auseinandergelebt, nachdem Urban in der DDR Karriere machte und den Machthabern des Landes widerstandslos zu Willen war. Kurz bevor die Erzählerin ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hat sie erfahren, dass Urban verschwunden ist. Nach ihrer Gesundung wird ihr mitgeteilt, dass er sich erhängt habe und erst nach Wochen in einem entlegenen Waldstück gefunden wurde.

Mit dieser Erzählung hat Christa Wolf die Grenzen ihrer Sprache und Erzählkunst und zugleich dessen, was sich über den inneren Zustand der späten DDR noch Sinnvolles sagen lässt, literarisch noch einmal weit hinausgeschoben in Bereiche des Nichtsichtbaren, Nichthörbaren, Nichtfassbaren; über die Grenzen hinaus, wo sich Bewusstes und Unterbewusstes vermischen und wo die Gespenster wohnen, denen wir es zu verdanken haben, dass die Vergangenheit, nach einem Wort von Christa Wolf, einfach nicht totzukriegen ist.

Christa Wolf: Leibhaftig
Luchterhand, München 2002.
suhrkamp taschenbuch Frankfurt 2009

Quellen:
Uwe Wittstock | Die Welt 23.02.2002
Beatrix Langner, NZZ 23.02.2002

Lesekreis Do 27. April 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Einmal noch Marseille Autor: Björn Kern
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Nicht der Engel mit dem Flammenschwert vertreibt heutzutage aus dem Paradies ruhiger Alltäglichkeit, sondern die ärztliche Diagnose. „Es ist keine Arthrose“, heißt es auf der ersten Seite dieses schmalen Romans. Vater, Mutter, Kind: die Figurenkonstellation des Buches ist denkbar einfach, aber von diesem Satz an ist nichts mehr alltäglich im Leben der Familie. Denn der Befund, der nie beim klinischen Namen genannt wird, bedeutet das Todesurteil für die lebensfrohe Mutter. Eine Muskelkrankheit hat die Lehrerin befallen; und sie selbst kennt klarsichtig die Stationen ihres unaufhaltsamen Siechtums: „Ich werde mich nicht mehr bewegen können, sagte sie, ich werde nicht mehr schlucken können, und am Ende ersticke ich.“ Genauso trifft es ein, das medizinische Wunder bleibt aus, am Ende des Buches sitzt der Sohn am Bett seiner toten Mutter, die sich zuletzt nur noch mit minimalen Kopfbewegungen verständlich machen konnte. Eine andere Form von Alltäglichkeit, nur eben kein Paradies mehr.
Nüchtern erzählt Björn Kern die Geschichte vom Zerfall einer Familie. Der Sohn wird zum Chronisten der Krankheit; aus der Ich-Perspektive schildert er die Hilflosigkeit seines Vaters, das eigene Schwanken zwischen Anteilnahme und Verdrängung, die Versuche der Mutter, sich auf immer neue technische Hilfsmittel einzustellen. Die Abfolge dieser Geräte spiegelt die zunehmende Schwäche derer, die auf sie angewiesen sind: Am Anfang steht das automatische Lesegerät, das die Seiten eines Buches umwenden soll und dabei – seltener Moment des Humors – schon mal den neuen Roman von Günter Grass malträtiert. In immer größerem Tempo kommen kompliziertere Apparaturen hinzu: eine Atemmaschine, ein elektrisches Bett, ein Hebekran, ein aufwendiger Rollstuhl, der, wie es bewundernd heißt, „vierzehn Funktionen und halb so viele Motoren“ hat, und schließlich ein Sprachcomputer. Ein stattlicher Maschinenpark gehört bald zum Inventar des Kleinbürgerhaushalts; im ehemaligen Kinderzimmer stapeln sich leere Verpackungen und Ladegeräte für die vielen Batterien.
So entstehen Bilder aus dem Pflegealltag, den die Verordnungen des Gesundheitswesens mit Gebührensätzen zu regulieren versuchen. Der Kontrollbesuch des Krankenkasseninspektors gehört zu den wenigen und unerwünschten Abwechslungen im Leben der drei Menschen, die sich immer mehr der Außenwelt verschließen. Das freilich führt den Roman an seine Grenzen. Kern konzentriert sich ganz auf die innerfamiliären Veränderungen und vernachlässigt darüber die übrigen Personen seiner keineswegs hermetischen Welt. Die namenlose Freundin des Ich-Erzählers bleibt ebenso blaß wie die Freundinnen der Mutter, die – an der Grenze zur Karikatur – mit einer seltsam diffusen Gruppenidentität ausgestattet werden.
Wiederholt versuchen Mutter und Sohn aus dem Gefängnis der engen Wohnung auszubrechen. Eine Reise nach Marseille wird zum Höhepunkt dieser kleinen Fluchten; am Ende schiebt der Sohn noch einmal das Bett seiner inzwischen fast völlig gelähmten Mutter durch die Straßen der Heimatstadt bis in den Stadtpark. Man mag Zweifel daran haben, ob diese Szene die Abmessungen von Krankenbetten und modernen Wohnhausfahrstühlen berücksichtigt – auf alle Fälle bleibt dieses Bild eine anrührende Ikone im Kampf gegen die Unerbittlichkeit der Krankheit.
Hat das jedoch, was menschlich anrührt, auch literarischen Belang? Kein Zweifel kann daran bestehen, daß sich der knapp dreißigjährige Björn Kern für sein zweites Buch (der Roman „Kipppunkt“ erschien 2001) ein schwieriges Sujet gewählt hat, das zur Zeit eine erstaunliche Konjunktur nicht nur auf dem deutschen Buchmarkt erfährt. In den letzten Jahren haben unter anderen Jakob Hein, Lydia Flem oder jüngst Angelika Overath den Abschied von ihren kranken und schwachen Müttern zum Thema ihrer Bücher gemacht. Sie alle standen vor der selbstgewählten Aufgabe, ihrer Leserschaft Persönlichstes darzulegen und für den Schmerz, die Trauer und die Hilflosigkeit des Verlassenwerdens Worte zu finden, die über unmittelbares Betroffensein hinausgehen. Im besten Fall kann die Trauer zum Antrieb für ein genaues und unsentimentales Erzählen werden, das die Schilderung des Einmaligen und Privaten transparent werden läßt für die allgemeinen Bedingungen unserer Existenz, seien sie nun im Gesellschaftlich-Sozialen, in den komplizierten Vorgängen der Psyche oder der Hinfälligkeit alles menschlichen Lebens zu suchen.
In diesem Chor der verwaisten Erzähler kommt Björn Kern eine respektable Stimme zu. Dem Protagonisten seines Romans ist das Leben der Mutter vor ihrer Krankheit erstaunlich gleichgültig, die Stationen des unausweichlichen Abschieds dokumentiert er aber mit teilweise beklemmender Präzision. Wenn Leser des Buches durch Kerns lakonische Sprache an eigene Erfahrungen der Ohnmacht angesichts von Krankheit und Tod und damit an die Grenzen ihrer Selbstbestimmung erinnert werden, so ist das kein geringes Lob für einen jungen Autor.

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-bett-im-stadtpark-1306968.html [28.03.2017]
Björn Kern: „Einmal noch Marseille“. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2005. 127 S.

Lesekreis Do 23. März 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Vom Ende der Einsamkeit, Autor: Benedict Wells
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

„Ich kenne den Tod schon lange, jetzt kennt der Tod auch mich.“ So beginnt Benedict Wells 2016 erschienenes Buch „Vom Ende der Einsamkeit“, das die Bestsellerlisten stürmte. Jules kommt nach einem Motorradunfall und mehrtägigem Koma im Krankenhaus allmählich zu sich. Hier beginnt ein chronologischer Rückblick auf Jules‘ Leben. Ausgangspunkt ist der Unfalltod der Eltern, als Jules elf Jahre alt war. Bis zu diesem Zeitpunkt sind Jules und seine beiden älteren Geschwister behütet aufgewachsen. Wie unterschiedlich seine Hauptfiguren den Tod ihrer Eltern verarbeiten, zeigt Benedict Wells u. a. in der Schilderung der düsteren Internatsjahre. Sehr eindringlich gelingt es Benedict Wells, die vielen Glücksmomente der frühen Kindheit und dann die traumatischen, einsamen Jugendjahre seines Helden zu schildern. Es sind die stillen Dramen, die Wells gekonnt antippt, und die ein Leben zuweilen ebenso an den Abgrund führen können wie die gnadenlosen Schicksalsschläge, die in diesem Roman dicht aufeinanderfolgen. An mancher Stelle würde man sich wünschen, dass das, was den Figuren zustößt, in einem etwas realistischeren Maß gehalten wäre. Andererseits dient die Konzentration der Katastrophen dem Autor dazu, seine Fragestellung zu verdichten: „Was sorgt dafür, dass ein Leben wird, wie es wird?“

Der Roman von Benedict Wells wird von einem wehmütigen Ton und einer schlichten, schönen Sprache getragen. In Verbindung mit gewitzten Dialogen und einer cleveren, für Spannung sorgenden Dramaturgie ist diese Mischung sehr einnehmend. Zudem baut Wells überraschende Wendungen ein: Lange Zeit nimmt man als Leser arglos für bare Münze, was sich dann wie nebenbei als Trugbild erweist. Dafür ist aber das Ende des Romans dann nach dem letzten, schwersten Schlag so wärmend, tröstend und von einer so zwingenden emotionalen Logik, dass man den Figuren nach der Lektüre noch lange Zeit in Gedanken folgt.

Quelle: Auszüge aus der Sendung des SWR2 Buch der Woche am 18.04.2016

Lesekreis Do 23. Februar 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Schilten, Autor: Hermann Burger
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Labilen Lehrern dürfte es nach der Lektüre lausig gehen. Lehramtskandidaten raten wir, dieses Buch lieber links liegen zu lassen.
Hermann Burgers Romanerstling „Schilten“, 1976 erschienen und nun wieder neu aufgelegt, ist nicht nur ein an Kafka und Bernhard geschultes, virtuoses sprachliches Meisterwerk. Mit unvergleichlicher Intensität, immerzu schwankend zwischen Tragik und Komik, schildert der Schweizer Autor die Krankheits- und Todesgeschichte eines Lehrers.
Armin Schiltknecht ist Lehrer im abgelegenen Schweizer Dorf Schilten. Der Schulinspektor, an den sich der Lehrer mit jenem Bericht wendet, der den Roman darstellt, wird das Schulhaus nie erreichen. Der ausbleibende Inspektor ist der Anlass dieses Monologs, den Schildknecht, der Knecht der Schiltener Verhältnisse, in einer von Wahn gekennzeichneten, aber auch wahnsinnig schöpferischen Sprache verfasst: Thema des Buches, wie des gesamten schriftstellerischen Schaffens Burgers, der 1989 den Freitod wählte, ist die Macht des Todes über das Leben. Symbolisch verdichtet ist dies in der engen Verfilzung von Friedhof- und Schul-Betrieb. Der an die Lehranstalt angrenzende Friedhof beeinträchtigt den Schulalltag massiv. Die Totenfeiern des Dorfes finden in der Turnhalle statt, Friedhof und Schule haben die gleiche Rufnummer, der Hausmeister arbeitet zugleich als Totengräber. Das gesamte Dorf, in dem Burger das Schweizer Urdorf an sich vermuten lässt, ist ein Reich des Todes. Leidend unter der Lehrerkrankheit, die der Autor als das innere Abgestorbensein einer mit Lumpen von leblosem Wissen behangenen Vogelscheuche beschreibt, reagiert Schildknecht darauf mit seiner aberwitzigen Todesdidaktik. Er vergibt Scheintoten-Praktika an seine Zöglinge, spielt mit den Schülern „Gräber-Rezitieren“ und unterrichtet sie in Nebelkunde; denn „Leben“ vom Ende gelesen ergibt „Nebel“. Als sich alle ehemaligen Schüler des Lehrers feierlich versammeln, wird endgültig klar, dass Schildknecht aufgrund einer Suspendierung seit Langem schon vor leeren Bänken unterrichtet hat. Das Fest in der Turnhalle, wie könnte es anders sein, ist seine eigene imaginierte Totenfeier. Burgers Absicht, den Leser derart in die Schiltener Verhältnisse zu ziehen, dass ihm schwindlig werde, beruht auf einem methodischen Trick: der gegenseitigen Maskierung von Wirklichkeit und Fiktion. Nie sei er glücklicher, hat der Sprachkünstler Burger in seiner Frankfurter Poetikvorlesung bekundet, als wenn es ihm gelänge, das Verrückte dank vorgetäuschter Recherchen als wirklich und die bare, aus irgendeinem Jahrbuch herauskopierte Realität als verrückt erscheinen zu lassen.

Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/15196908 ©2016

Lesekreis Do 26. Januar 2017, 19 Uhr

Buchtitel: Schlaflose Nacht, Autorin: Margriet de Moor
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Es beginnt alles ganz harmlos. Eine Frau ergreift das Wort und berichtet von ihrer Schlaflosigkeit: Seit einiger Zeit verzichte sie darauf, sich im Bett hin und her zu wälzen, stehe stattdessen auf und backe Kuchen. So auch in dieser Nacht. In Gesellschaft ihres Hundes betritt sie die Küche, greift zu den Zutaten und beginnt, den Teig für Butterkuchen und später für russischen Zupfkuchen zusammen zu rühren.
Die Zubereitung des Gebäcks umrahmt die Novelle und gibt den Rhythmus vor. Die Tonlage der Frau ist ruhig und wohl temperiert, obwohl schon bald klar wird, dass es etwas Unfassbares ist, was sie nachts aufwachen lässt. Dabei hat sie sogar Gesellschaft: Ein Mann, den sie an diesem Tag zum ersten Mal getroffen hat, schläft tief und fest in ihrem Bett.
Die Ich-Erzählerin tastet ihre Umgebung geradezu körperlich ab. Sie spürt unter ihren nackten Füßen den weichen Holzboden ihres alten Bauernhauses, sie beugt sich zum Backofen, öffnet die Schränke, lässt sich im angrenzenden dunklen Wohnzimmer nieder. Alles wurde noch von ihrem ersten Mann eingerichtet, erwähnt sie, der in praktischen Dingen äußerst bedachtsam war.
Vierzehn Monate dauerte die Ehe nur, dann nahm sich ihr Mann Ton im Gewächshaus das Leben. Dieser Tod bildet den Glutkern der Novelle, denn Ton hinterließ keinen Abschiedsbrief. Es gab weder Anzeichen von Schwermut noch irgendwelche Vorfälle, die eine Erklärung hätten bieten können.
Der Selbstmord wirkte auf die damals Anfang zwanzigjährige Ehefrau, die gerade Lehrerin geworden war, wie eine Schuldzuweisung. Vielleicht hat sie auch deshalb nie das Haus und das Dorf verlassen können – sie blieb gebannt von der Tat. Aus der Retrospektive schildert sie nun, wie sie Tons Schwester im Studium kennenlernte, auf einem Schlittschuhausflug dann ihrem Bruder begegnete und sich ihr Leben zu runden schien, bis es jäh abriss. In den kommenden Jahren kreiste ihr gesamtes Dasein um dieses Rätsel. Als sie komplett zu veröden droht, rät ihr ihre Schwägerin, es mit Liebhabern zu versuchen. 

Die niederländische Autorin Margriet De Moor versteht sich in Untiefen menschlicher Beziehungen.

Quelle: Deutschlandradio Kultur, LESART| Beitrag vom 02.08.2016

 

 

Lesekreis Do 15. Dezember 2016, 19 Uhrdrehtuer

Buchtitel: Drehtür, Autorin: Katja Lange-Müller
Ort: Haus am Park, Talgartenstraße 4, 78462 Konstanz

Verloren in der Transitzone: Die Berliner Schriftstellerin Katja Lange-Müller erleuchtet in ihrem neuen Roman „Drehtür“ ein Leben durch die Blitze der Erinnerung. Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen, so Wittgenstein. Asta Arnold, eine aufs Altenteil abgeschobene Krankenschwester, aber insgeheim Sprachphilosophin, würde die Worte des Meisters wohl ergänzen: Man muss vielleicht schweigen, aber man kann immer noch erzählen und sei es nur lautlos sich selbst. „Die Stimme lenkt Astas Blicke, öffnet ihr die Ohren, verbietet ihr den Mund.“ Eine fremde Stimme im Kopf, die das eigene Leben ins Gedächtnis ruft? Wem erzählt wird, der ist nicht tot, noch nicht, immerhin.
Asta steht am Münchner Flughafen, neben einer selten benutzten Drehtür bei den Mietwagen und raucht verzweifelt Duty-Free-Kippen. Sie wirkt nicht nur verloren, sie ist es auch, so wie ihr Gepäck ganz konkret auf der Strecke blieb, irgendwo zwischen Nicaragua und Deutschland.
Die Hauptfigur von Katja Lange-Müllers neuem Roman hat die letzten 22 Jahre ihres Lebens in Managua und an anderen fernen Orten, in Djerba, in Ulan Bator, verbracht, im Dienst von Hilfsorganisationen. Am Ende ging sie ihren Helferkollegen wohl nur noch auf den Wecker mit ihrer Schusseligkeit und wurde pünktlich zum Eintritt ins Rentenalter mit sanftem Nachdruck in ihr Heimatland befördert.
Dort grübelt sie über diese seltsamen Wesen, die Wörter nach: „Asta denkt – und schweigt. Mit wem, fragt sie sich, soll ich reden? Ich kenne doch keinen mehr, hier am Boden meines Vaterlandes, das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache; ich steh bloß drauf.“
Von der Stimme in ihrem Kopf wird Astas Blick auf Passanten gelenkt, die ihr bekannt vorkommen und Erinnerungs-Links zu Episoden aus ihrem ziemlich bewegten Leben legen.
Bei Katja Lange-Müller wird die Drehtür zum Erzählprinzip: Astas Erinnerung führt nicht in den Raum einer geschlossenen autobiografischen Erzählung, sondern immer wieder zu einer neuen Short Story, einem weiteren Splitter der potenziell unendlichen mémoire involontaire.

Quelle: Auszüge aus PA/DPA/Jens Kalaene

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